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RPlus | Blinde Flecken in der Pferdeausbildung
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Die eigene Sicht auf die Welt

 

Egal ob es sich um die vielen unterschiedlichen Trainingssysteme, Ausbildungsmethoden oder Ansichten zur Pferdehaltung geht, jede*r Pferdebesitzer*in handelt aus der eigenen Sicht nach bestem Wissen und Gewissen. Niemand möchte dem Pferd bewusst schaden, sondern hat sich eine eigene Meinung aufgrund der eigenen Erfahrungen, angeeignetem Fachwissen oder aus einem ausgeprägten Traditionsbewusstsein heraus angeeignet. Häufig genug versuchen Vertreter*innen der unterschiedlichen Strömungen im Pferdebereich ihre eigene Interpretation eines Sachverhaltes zu unterstreichen indem sie sich deutlich von anderen Sichtweisen abgrenzen. So entstehen in der Pferdeszene immer tiefere Gräben und erbitterte Grabenkämpfe werden über die vermeintlich einzig richtige Art und Weise zu reiten oder sein Pferd auszubilden oder zu halten geführt. Oft genug geht es da mehr um das eigene Gefühl und ums Rechthaben und weniger um eine differenzierte Betrachtung der unterschiedlichen Blickwinkel.

Es gibt keine allgemeingültige Wahrheit

 

Zum einen kann das was für das eine Pferd gut und richtig ist für ein anderes schlicht schädlich sein oder eine Vorgehensweise in einer bestimmten Lebenssituation praktisch gar nicht durchführbar sein. Zum anderen gibt es im Pferdebereich so unendlich viele Fragestellungen zum Wohle des Tieres, dass es schier unmöglich erscheint, dass jede einzelne Frage gleich intensiv recherchiert werden und daraufhin gleich gut beantwortet werden kann.

Manipulation = Gewalt?

 

Die „Belohnungsfraktion“ vergisst aus Sicht der anderen wiederum, dass auch sie hoch manipulativ agieren, indem sie einen starken Anreiz für das Pferd in Form von Futter in Aussicht stellen und diesen Zugang zum Futter wiederum nur über korrektes Verhalten des Pferdes gewähren. Hier sehen viele eine ebenso große Gewaltanwendung als wäre das Pferd aktiv unter Druck gesetzt worden. Betrachtet man diese unterschiedlichen gedanklichen Zugänge allein zu diesem Thema, so wird deutlich, dass es die eine Wahrheit nicht gibt.

Situationsgerechte Betrachtung

 

Um eine Antwort auf die Frage nach der Vertretbarkeit von Druck im Zusammenhang mit Pferden zu erhalten, müsste man die Umstände kennen. Man müsste sich fragen, was die Alternativen in einer konkreten Situation wären. Sich fragen was überhaupt die Ziele des Menschen in dieser Situation sind. Und eventuell auch die Grundsatzdiskussion darüber führen inwiefern Menschen Pferde überhaupt halten und in irgendeiner Form nutzen dürfen und wo die Grenze zum Benutzen wäre. Denn oft wird auch der*diejenige in einen Gewissenskonflikt geraten, der*die zwar das beste für sein*ihr verletztes Pferd möchte, ihm*ihr aber nur mithilfe eines*einer Tierarztes*Tierärztin unter Sedierung und unter Verwendung eines Maulgatters helfen kann und damit ein gewisses Maß an Leid in Kauf nimmt.

Eigene Fähigkeiten im Fokus

 

Darüber hinaus vergessen viele Reiter*innen verstrickt in ihre Grundsatzdiskussionen bequemerweise, dass jede*r von uns gewissermaßen blinde Flecken hat. Bereiche, in denen man nicht so genau hinschaut. Etwa weil einem*einer das Fachwissen fehlt und die Aneignung dessen zu komplex wäre. Oder weil man es nicht wahrhaben möchte, dass die eigenen Fähigkeiten nicht ausreichen dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Es gibt sie, diese blinden Bereiche, die man einfach nicht sieht, weil man ein anderes Thema so viel wichtiger empfindet.

Das fette Pony

 

Genau aus diesen Gründen gibt es zum Beispiel so viele übergewichtige Pferde und Ponys. Einfach weil man trotz Trainingsplan und aus der eigenen Sicht total gewaltfreier Erziehung und Ausbildung nicht über den Punkt hinwegkommt, an dem das Pferd auch körperlich gefordert wäre. Da hilft auch der fünfte Tag in Folge Bodenarbeit im Schritt nicht viel, wenn das moppelige Pferd gleichzeitig „total artgerecht“ mit energiereichem Heu ad libitum im Mini-Offenstall untergebracht ist und nur vor der gefüllten Raufe steht und futtert. Es müsste – wenn man denn den blinden Fleck zu einem beleuchteten Bereich machen wollen würde – eine Rationsberechnung her und ein Trainingsplan von jemandem der sich mit der Sache auskennt. Und ganz wichtig: Der Pferdemensch müsste handeln. Nicht nur einmalig, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg fokussiert und regelmäßig.

Pferde sind so verschieden

 

Gerade weil die Bedürfnisse der Pferde so unterschiedlich sind kommt es in typischen Reitställen oder Halter*innengemeinschaften zu so vielen Anfeindungen und Diskussionen. Da wird jemand angefeindet, weil er*sie das Training mit dem Fjordpferd im Winter nur umsetzen kann, wenn das Pferd teilweise geschoren und eingedeckt wird. Nur so könnte das Tier fit und relativ schlank ins Frühjahr gehen. Aber das sei so nicht natürlich, so die Argumentation der gegnerischen Fraktion. Diese Personengruppe wiederum will die Thermoregulation auf gar keinen Fall irgendwie stören und überlässt alles der Natur. Aus Sicht der Fjordbesitzer*in wiederum nehmen sie dafür aber Hufrehe im Frühjahr in Kauf.

Kein richtig und kein falsch

 

Nur ein Beispiel, aber es zeigt dass keine Meinung generell richtig oder eine andere generell falsch ist. Jedes Handeln mit Pferden ist ein permanentes Abwägen. Mal überwiegt der eine Aspekt und man nimmt etwas anders zähneknirschend gleichzeitig mit in Kauf, mal wird man an anderer Stelle mit Defiziten leben müssen. Um zu erkennen in welchen Bereichen man selbst Nachholbedarf hat, ist es gut sich umfassend zu informieren und auf andere Menschen zuzugehen und mit ihnen über ihre Erfahrungen, Meinungen und Ideen zu sprechen.

Seinen eigenen Horizont erweitern

 

Erst dann wird man merken, dass was sich in der Theorie so einfach und gut anhört in der Praxis oft mit den eigenen angeblich fest einzementierten Grundsätzen kollidiert. Oft wird es nicht gehen, dass alles so beibehalten wird wie bisher und sich gleichzeitig wie durch Zauberhand das Problem löst. Meistens wird es so sein, dass man selbst sich bewegen muss. Im eigenen Denken flexibler werden muss und damit auch die Erfahrungen und Erkenntnisse der anderen Pferdeleute mit einbeziehen muss. Nur mit einem Rundumblick auf das Thema Pferd wird sich ein pferdegerechter Weg der Ausbildung und Pferdehaltung umsetzen lassen. Und dieser pferdefreundliche Weg entsteht aus dem Miteinander heraus. Nur wenn Fachwissen und Kompetenzen zusammengeführt werden kann daraus etwas Neues entstehen.

Das Pferd im Mittelpunkt

 

Und gerade bei so schwierigen grundsätzlichen Themen wie bei der Frage nach Gewalt und Druck im eigenen Umgang mit dem Pferd ist es auch vonnöten sich seiner unbewussten Handlungen zu stellen. Diese entstehen durch Konditionierungen, Überzeugungen und Gewohnheiten. Gewohnheiten zu ändern ist ein Prozess, der ein Reiter*innenleben lang dauert und bei jedem*jeder von uns andere Herausforderungen bereithält. Für viele ist dabei die größte Motivation dem Pferd gerecht zu werden. Im Sinne des Pferdes zu handeln bedeutet auch über den eigenen Schatten zu springen und sich selbst zu hinterfragen und Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für das eigene Handeln und damit für das Wohlbefinden des Pferdes. Denn Pferde sind in jedem Lebensbereich von unseren Entscheidungen abhängig.

Macht euch auf zu neuen Ufern, Marlitt

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Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

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AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt