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RPlus | Der Schein kann trügen
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Vorsicht vor Foto-Über-Interpretation

 

Damit ich überhaupt im Sinne des Pferdes handeln kann, muss ich nicht nur ein Gefühl dafür entwickeln wie es meinem Pferd in einem bestimmten Moment ergeht, sondern vor allem auch Fachwissen über die Mimik und das Ausdrucksverhalten erlernen, um reinen Spekulationen über die Befindlichkeit des Tieres vorzubeugen. Die Analyse des Ausdrucksverhaltens ist eine Kunst für sich, verschiedene Aspekte fließen ineinander und ergeben zusammen ein vollständiges Bild. Die einzelnen Merkmale können beobachtet, in ihrer Deutlichkeit wahrgenommen und schließlich interpretiert werden. Dabei erhöht oft das Auftreten eines bestimmten Merkmals die Wahrscheinlichkeit für einen bestimmten emotionalen Zustand.

Fotos als Anschauungsobjekt

 

Um Körpersprache und Mimik sicher zu interpretieren, bietet es sich an mit Fotos als Blickschulung zu arbeiten. Zum einen weil man oft viel zu weit vom Pferd entfernt ist um mit bloßen Augen feine Veränderungen wahrzunehmen, zum anderen weil zumeist die direkte Anwesenheit des Menschen das Verhalten des Tieres beeinflusst. Durch die vielen, sehr kurz aufeinander folgenden möglichen Veränderungen in einem Video werden zumeist zu viele Informationen transportiert und führen so zu einer Überforderung des interessierten Laien. Wir halten es allerdings trotzdem für besonders sinnvoll mit beiden Möglichkeiten – Fotos und Videos – ganz in Ruhe für sich zu üben. Gerade auch was die Reihenfolge der Geschehnisse angeht hat es sich bewährt mit mehreren Fotos aus derselben Sequenz seinen Blick zu schulen.

Das Ausdrucksverhalten des Pferdes

 

Immer im Hinterkopf behalten sollte man aber, dass sich der Ausdruck des Pferdes innerhalb von nur Sekundenbruchteilen gravierend verändern kann. Vorsicht ist daher geboten, was eine abschließende Interpretation einer Situation anhand eines einzigen Fotos angeht. Es bildet lediglich einen kurzen Augenblick im Gefühlsleben des Pferdes ab, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wir können anhand eines solchen Moments schon sehr viel Übung in Hinblick auf die Verhaltensanalyse erlangen, was wiederum dann bei der Zeitlupenaufnahme eines Videos große Vorteile mit sich bringen kann.

Zoom

Ein Beispiel: Wie nah an der Explosion?

 

Schaut man das erste Bild der folgenden Reihe an, so werden den meisten ungeübten Betrachter zunächst die typischen Merkmale ins Auge fallen, die ein vermeintlich ruhiges Pferd zeigen. Der hängende Kopf im Schritt, die wenig ausgreifenden Bewegungen und der geringe Muskeltonus scheinen dafür zu sprechen. Doch der Schein trügt, wie sich beim Blick auf die folgenden Bilder zeigt, die im Abstand von nur wenigen Sekunden aufgenommen wurden. Wir sehen nun plötzlich Fluchtverhalten, die Palette der Ausdrucksmerkmale reicht innerhalb von wenigen Sekunden vom Durchgehen im Galopp, Aufwerfen des Kopfes bis hin zu Bocken. Meine Stute Mausi reagiert als typischer passiver Stresstyp aus der trügerischen Ruhe heraus. Warnsignale waren schon auf dem ersten Foto sichtbar, daher nun nochmal alle Bilder in etwas genauerer Betrachtung:

Moment # 1

Scheinbare Ruhe

 

Wie schon erwähnt vermittelt der hängende Kopf im Schritt, die wenig ausgreifenden Bewegungen und der geringe Muskeltonus einen falschen Eindruck von Entspanntheit, aber beim genaueren Hinsehen zeigen die seitlich schlaff vom Kopf weg hängenden „Flügelohren“ und der beginnende Füllungsgrad der Blutgefäße am Kopf schon subtile Hinweise auf ein angespannten Erregungsgrad. Bei eher introvertierten Pferdetypen oder dem passiven Stresstyp sind sowohl diese erwähnten Merkmale als auch die zeitlupenartigen Bewegungen und ein immer schlaffer werdender Muskeltonus nicht etwa Anzeichen von Ruhe, sondern im Gegenteil Vorboten von extremer innerer Aufregung. Der empfundene Stresspegel ist hier schon sehr ausgeprägt und kann trotzdem dem ungeübten Auge noch verborgen bleiben.

Moment # 2

Erste Anzeichen

 

Wie hoch bereits der Stresspegel angestiegen ist zeigt sich hier beim direkten Angaloppieren ohne eine vorangegangene Aufforderung. Der Kopf ist hoch erhoben, die Ohren nun in der typischen Stressstellung mit der Öffnung nach seitlich-hinten gerichtet. Die Augen erscheinen stressbedingt verkleinert, die Lippen verdickt.

Moment # 3

Die Anspannung steigt

 

Im nächsten Moment erfolgt ein extremes Aufwerfen des Kopfes mit verdrehten Augen, es findet ein starker Zug am Halfter statt.

Moment # 4

Stress ist weiterhin erkennbar

 

Es folgt wieder ein Moment der relativen Ruhe im Trab. Die extreme innere Spannung wird aber auch hier deutlich kommuniziert. Die Augen erscheinen weiterhin sehr klein und der im Schritt so sehr schlaffe Muskeltonus hat sich nun zu einem recht hohen Grad der Anspannung gewandelt.

Moment # 5

Erneutes Aufflammen

 

Auch im Trab löst sich die Anspannung in einem erneuten Aufwerfen des Kopfes und einem weggedrückten Rücken.

Moment # 6

Die Spannung entläd sich

 

Die weiter vorhandene Anspannung zeigt sich in einem erneuten „Ausbruch“ mit Bocken, Wegspringen und Schweifschlagen.

Moment # 7

Mimik

 

Galopp mit Stressgesicht.

Reflektion

 

Die gesamte Sequenz dient natürlich nicht als Beispiel für gutes Longieren, sondern ist entstanden um die Besonderheiten im Ausdrucksverhalten eines typischen passiven Stresstyps zu zeigen. Durch einen aufregenden Außenreiz kurz vorher wusste ich dass meine sensible Stute bereits gestresst gewesen ist. Wir haben die Longe nur ins Halfter gehängt, damit wir einmal die typische Reaktion eines solchen Stresstyps aufnehmen können. Wenn wir nur eine einzige Momentaufnahme betrachten, dann hätten wir den Verlauf der emotionalen Eskalation im inneren der Haflingerstute Mausi vermutlich nicht so eindrucksvoll beobachten können. Es sind die vielen kleinen mimischen Details, die individuelle Persönlichkeitsstruktur, der Verlauf innerhalb einer Situation und das gesamte Umfeld einschließlich uns als Teil dieses Geschehens, welche erst in ihrer Gesamtheit uns vorsichtige Aussagen über das Gefühlsleben der Pferde erlauben.

Marlitt Wendt & Conny Ranz

AUTHOR: Conny & Marlitt