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Im Gleichschritt mit dem Pferd | RPlus
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Synchrone Bewegungen aus neurobiologischer Sicht

 

Wenn Mensch und Pferd sich im Gleichschritt bewegen, dann hat das etwas Erhabenes, fast Magisches. Wer wen zu diesem gemeinsamen Tanz animiert, ist kaum mehr ersichtlich, beide ergänzen einander im Einklang der Bewegungen perfekt. Doch wie ist so etwas zwischen Vertreter*innen unterschiedlicher Arten wie Pferd und Mensch überhaupt möglich? Gibt es dafür biologische Erklärungsmodelle?

Unser Ziel ist nicht, ineinander überzugehen, sondern einander zu erkennen und einer im andern das sehen und ehren zu lernen, was er ist: des anderen Gegenstück und Ergänzung. Hermann Hesse

Pferde und Menschen sind soziale Wesen

 

Es gibt sie offensichtlich, die Übereinstimmung der Bewegungen, das intuitive Erfassen einer Richtungsänderung und die Anpassung beider Seiten in Takt, Energie und Tempo. Pferd und Mensch können weit über das alltägliche, durch Erziehung mögliche Maß hinaus miteinander verschmelzen, wenn sie sich auf die Qualität der Intuition und auf eine gemeinsame Gefühlsebene einstimmen. Beiden Arten, dem Mensch und dem Pferd gemein ist die Tatsache, dass es Lebewesen sind, die von der Natur dafür bestimmt sind in Gruppen und damit in engen sozialen Verbänden zu leben. Freundschaften und gegenseitige Zuneigung bestimmen bei beiden Spezies das Zusammenleben. Kooperation und Bindung sind für alle sozialen Lebewesen essentiell und überlebenswichtig.

Beziehung durch Kommunikation

 

Nur wer in der Lage ist über eine feine, erfüllende Kommunikation enge Bindungen aufzubauen, wird Vorteile aus dem Wissen, dem Können oder dem Schutz des*der anderen ziehen können. Beim Menschen findet ein Teil der Kommunikation natürlich auf sprachlicher Ebene statt. Da uns dieser Teil der Verständigung sehr präsent ist, merken wir oft gar nicht, dass der weitaus größere Anteil der Kommunikation unbewusst und nonverbal abläuft. Wir leben in einer dem Verstand nicht vollständig zugänglichen Gefühlswelt, unser Gehirn funktioniert quasi auf Autopilot und steuert über diverse Hormon- und Nervenkaskaden sowohl unsere Empfindungen als auch unsere körperlichen Reaktionen, die sich wiederum auch äußerlich wahrnehmbar in Veränderungen des Verhaltens und der Körpersprache äußern.

Zusammenspiel der Hormone

 

Das ist beim Pferd nicht anders. Ist es glücklich und zufrieden, so bewirkt beispielsweise das „Bindungshormon“ Oxytozin eine ruhige gleichmäßige Atmung und einen lockeren, weichen Muskeltonus. Bei Stress hingegen wirken Stresshormone wie Adrenalin oder Cortisol und versetzen den Pferdekörper in Alarmbereitschaft mit erhöhter Durchblutung und festem Muskeltonus. Das jeweilige Zusammenspiel der dazugehörigen Hormone und Neurotransmitter macht den einzigartigen Cocktail eines jeden Gefühlszustandes aus. Beide Parteien der Mensch-Pferd-Beziehung besitzen also ähnliche biologische Strukturen und damit vergleichbare Möglichkeiten der Äußerung ihrer emotionalen Befindlichkeiten. Sicher haben wir eine typische menschliche Körpersprache und das Pferd eine pferdetypische, beiden Seiten gemein ist aber die Basis, das körperliche Geschehen in hormoneller und physiologischer Hinsicht.

Bewegungen spiegeln

 

Als eine der ursprünglichsten Kommunikationsformen gehört sowohl beim Menschen als auch beim Pferd das körperliche Spiegeln dazu. Wir wissen schon von Säuglingen, dass sie in der Lage sind auf diese Art und Weise zu kommunizieren. Sie spiegeln zum Beispiel das Lächeln ihrer Mutter, indem sie selbst lächeln. Sind Menschen sich gegenseitig sympathisch, so gleichen sie sich unbewusst in der Körperhaltung, den Bewegungen, Gesten und der Mimik immer mehr aneinander an.

Quelle Konfetti-Grafik: freepik.com

Mirroring

 

Auch bei Pferden ist dieser im Englischen „mirroring“ bezeichnete Prozess des Spiegelns bekannt. Pferde pflegen mit ihren engsten Vertrauten eine Beziehung auf durchaus körperlicher Ebene. Sie gleichen ihre alltäglichen Bewegungsmuster aneinander an und demonstrieren so bildlich gesprochen auf einer Wellenlänge zu sein. Dabei werden nicht nur die Bewegungen parallel angenähert, sondern auch die Atmung, Blickrichtung oder sogar die Herzfrequenz. Diese besondere Art der Beziehung ist vor allem durch die Empathie gekennzeichnet, die wechselseitige, vertrauensvolle Aufmerksamkeit auf das was der andere macht und vor allem auf das was ihn in seinem Wesen ausmacht.

Vom Annähern zum Rapport

 

Der beschriebene Prozess der allmählichen Anpassung durchläuft typischerweise mehrere Phasen. Nach einer Phase des vorsichtigen Nachahmens des*der anderen, entsteht zunächst eine Zeit des scheinbar zufälligen wechselseitigen Spiegelns, daran anschließend der sogenannte Rapport, ein Zustand der gegenseitigen Bedeutung. Bei einem vertrauensvollen Rapport ist das gewobene unsichtbare Band zwischen Mensch und Pferd sehr stark, die Verbindung reißt auch dann nicht ab, wenn uns das Tier durch schwierige Situationen begleitet. Diese innige Verbundenheit, welche wir durch die Synchronizität der Körpersprache erfahren können, lässt somit aus zwei Individuen erst ein echtes Team, ein starkes Wir erblühen.

Mechanismus für Empathie und Freundschaft

 

Ein wichtiger Mechanismus in unseren Säugetiergehirnen, der Beziehungen, Empathie und Freundschaft erst entstehen lässt, ist der Resonanzmechanismus der Spiegelneurone. Spezielle Nervenzellen im Gehirn, eben diese Spiegelneurone, ermöglichen es nicht nur die eigenen, selbst erlebten Gefühle zu spüren, sondern auch die eines*einer anderen. Wir „sehen“ unbewusst in unserem Gehirn anhand des Abgleichs der Körpersprache, dem vorhandenen Grad der Synchronizität, der Bewegungen und der Übereinstimmung zu unserem eigenen Ich ein Abbild des Gefühls des Gegenübers.

Woher kommt spontane Sympathie?

 

So ist es möglich die Handlungen eines anderen Individuums mit den eigenen Gefühlen zu verknüpfen, und dadurch mitzufühlen, was der*die andere gerade erlebt und wie man sich selbst in dieser Situation wohl fühlen würde. Das System der Spiegelneurone gleicht ständig unbewusst unsere Empfindungen anderen Lebewesen gegenüber ab. Deshalb haben wir manchmal ein spontanes Gefühl von Sympathie für jemanden ohne erklären zu können warum wir plötzlich so stark für eine andere Person empfinden können. Im Trainingsalltag mit unserem Pferd sind wir allerdings oft rational auf unsere Ziele, auf das Vorankommen und auf das angestrebte Ergebnis fixiert, sodass unser Unterbewusstsein vom Verstand quasi zurückgedrängt wird.

Botschaft des Unterbewusstseins

 

Allerdings findet die reine Form der Kommunikation auf dieser Ebene nur im Unbewussten statt. Wer es nicht schafft sich von ständigen Erklärungsversuchen, Analysen und Anspruchsdenken zu lösen, der wird nur schwer oder gar nicht in den Genuss der intuitiven Wahrnehmung kommen. Gerade bei den synchronen Bewegungen ist eine weitere Besonderheit der Funktionsweise der Spiegelneurone relevant. Das Verarbeiten des Gefühls findet so schnell statt, dass buchstäblich in einem Bruchteil einer Sekunde eine gesamte Situation erfasst werden kann. Daraus entsteht die Möglichkeit einen Verlauf, etwa eine Bewegungsrichtung oder das zu erwartende Tempo oder die in der Situation beteiligte Energie vorherzusehen. Pferde sind besonders talentiert, die Bewegungsintention eines*einer anderen wahrzunehmen, sie erahnen intuitiv in welche Richtung ein* andere*r sich als Nächstes bewegen wird.

Use it or lose it

 

Da wir erwachsenen Menschen oft im Leben versuchen rational zu argumentieren, verlieren wir nach und nach diese auch uns angeborene Fähigkeit Situationen in ihrer Gesamtheit blitzschnell intuitiv erfassen zu können immer mehr. Für sämtliche Mechanismen im Gehirn gilt folgender englischer Satz: „use it or lose it“, der übersetzt in etwa „gebrauche oder verliere es“ bedeutet. Gemeint ist damit, dass wir immer genau das Gehirn haben, was wir in unserem Alltag brauchen. All jene Funktionsbereiche, die wir häufig nutzen, werden gestärkt, während wenig genutzte Fähigkeiten zunehmend verkümmern.

Bewegungen und Emotionen sind miteinander verbunden

 

Möchten wir also eine tiefe, freundschaftliche Beziehung zu unserem Pferd aufbauen, so können wir versuchen die Intention des Pferdes aktiv zu spiegeln. Deutet sich also bei unserem*unserer Partner*in durch eine minimale Muskelkontraktion eine Änderung der Bewegungsrichtung an, so folgen wir, es entstehen aufeinander abgestimmte Bewegungsmuster. So erleben sowohl Pferd als auch Mensch durch die Verbundenheit und den Einklang ihre Beziehung nicht nur emotional sondern körperlich spürbar. Denn beides ist untrennbar miteinander verbunden. Emotionen ohne körperliche Reaktionen sind ebenso undenkbar wie Bewegungen ohne Emotionen. Das eine existiert nicht ohne das andere. Immer ergänzen sich Körper und Geist, Verstand und Gefühl.

aus „Pferdsein reloaded“

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Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

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AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt