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RPlus | Pferdepersönlichkeiten
Ego und Selbstbild der Pferde
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Sardinien

 

Meine erste Reise zu den wilden Pferdchen Sardiniens war für mich eine wirklich magische Erfahrung. Und daher kann ich es kaum erwarten sie dieses Jahr wieder zu sehen und dieses Erlebnis mit Euch zu teilen. Aber am aller meisten freue ich mich darauf, dass wir diesen Sommer gemeinsam mit unseren lieben Freunden aus der RPlus Community die Reise antreten werden und wir unsere Eindrücke direkt vor Ort auf diesem zauberhaftem Eiland miteinander teilen können. Hier nun meine Eindrücke und Gedanken meiner ersten Begegnung mit den kleinen zähen Pferdchen auf dieser Perle im Mittelmeer.

Ruf des Abenteuers

 

Nach meiner langen Krankheitsphase war die Frage von Conny im vorletzten Jahr, ob wir nicht gemeinsam auf Sardinien die letzten wildlebenden Pferde der Insel, die Cavallini della Giara, besuchen wollten, ein wahres Geschenk. Was für eine Frage! Natürlich wollte ich. Ich liebe Italien und für mich als Verhaltensbiologin war diese Reise ein toller Anknüpfungspunkt an meine Passion Pferde zu beobachten und zu erforschen. Und diese Aufregung: Werden wir wirklich diese freilebenden Pferde finden und sie in ihrem wilden Alltag begleiten dürfen? Und wir haben sie gefunden und es ist eine unglaublich berührende Erfahrung, wenn die so geliebten Tiere auf einmal auf einer Lichtung erscheinen und sie ihren natürlichen Lebensraum mit uns teilen.

Wieder eine andere Pferdewelt

 

Die Ursprünglichkeit eines Lebensraums, die damit verbundenen Lebensumstände und die Beschaffenheit der Natur erschaffen eine einzigartige Pferdepersönlichkeit und macht für mich einmal mehr deutlich, jedes dieser Pferde ist ein wunderschöner Diamant, das sich als Produkt der rauhen Kräfte der Natur darstellt. In der geografischen Isolation der Insel Sardinien ist daraus dieser besondere Pferdetyp entstandenen. Ein Typus Pferd mit seinen speziellen Besonderheiten, den man auf der ganzen Welt nur an diesem Ort finden kann. Die Cavallini della Giara haben mir auf unserer Reise die Augen für die Schönheit dieser Natürlichkeit geöffnet. Gedanken, die ich gerne mit Euch teilen möchte. Einige dieser Beobachtungen erscheinen auf den ersten Blick unbedeutend für die Reiterwelt in unserem modernen Leben, andere unterstreichen einfach noch einmal das, was wir alle über die grundlegenden Bedürfnisse der Pferde bereits wissen und wie wir es hier live erleben können, wenn die Tiere ihr eigenes Leben ohne menschlichen Einfluss gestalten dürfen.

Lebensgeschwindigkeit

 

Der heutige Lebensraum der Cavallini della Giara ist eine weitläufige Hochebene in Sardinien, die Giara di Gesturi. Ca 600 Tiere leben dort in einer abseits der Wege recht undurchdringlichen, felsigen Fläche mit dichter Macchia und Korkeichen-Flora. Man kann es sich so vorstellen, dass es ein breites Wegenetz für ihre Wanderungen gibt, dazwischen vereinzelte Wasserstellen, die teilweise im Sommer austrocknen und eben dieses schier undurchdringliche Macchia Buschwerk.

Im Rhythmus der Natur

 

Die Pferde pendeln nun zwischen den für sie lebenswichtigen Funktionsbereichen, wie etwa Fressplätzen, schattigen Waldrändern und den natürlichen Tränken. Diese Pendelbewegungen fanden allerdings relativ häufig nicht wie erwartet im gemütlichen Schritt, sondern trotz der Sommerhitze im Trab oder gar im Galopp statt. Die kleinen Pferdchen waren in diesen Gangarten durchaus flott unterwegs. Oft schienen sie ein wirklich klares Ziel vor Augen zu haben und dieses möglichst schnell erreichen zu wollen. Die vom Menschen geschaffenen Wege in dieser Wildnis eigneten sich hervorragend als „Schnellstraßen“ genutzt zu werden um mit höherem Tempo von Ort zu Ort zu gelangen. Wenn die Pferde also nicht gerade im Nahrungsaufnahme-Schritt-Tempo grasten, dann war ihre Laufgeschwindigkeit häufig deutlich höher als von mir erwartet. Auch innerhalb ihrer Gangarten Trab und Galopp war zu erkennen, dass die kleinen Pferde sehr zügig das unwegsame Gelände durchquerten. Es war kein Jogtempo zu beobachten, sondern eher ein frischer Arbeitstrab. Solche kleinen Auffälligkeiten in dem Verhaltensrepertoire wecken meine Neugier und es ist spannend den Ursachen für diese Entwicklung nachzuforschen.

Wege eröffnen Bewegung

 

Vielleicht kann man es so in Worte fassen, zu welcher Erkenntnis diese Beobachtung mir auch für das Leben unserer Hauspferde verholfen hat: Wege eröffnen Bewegung. Es erscheint offensichtlich, dass Pferde einen Anreiz brauchen, sich überhaupt in Bewegung zu setzen und umso mehr, wenn diese Bewegung schneller stattfinden soll. Sie laufen halt nicht, wenn sie auf einem winzigen, leergefegten Paddock an der Heuraufe stehen. Die Cavallini della Giara haben mir noch einmal eindrücklich gezeigt, dass das Laufen ihre Natur ist, sie bewegen sich fast ständig und geben so scheinbaren Kleinigkeiten eine große Bedeutung. Sie trinken etwa nicht immer an genau derselben Stelle wenn sie die Möglichkeit haben. Mal findet man sie gemeinsam an einem kleinen Wasserloch, dann wieder an einer menschengemachten Pferdetränke nah an der Quelle. Vermutlich ist die Qualität des Wassers überall ein ganz klein wenig anders. Hier etwas kühler, da von der Sonne erhitzt, oder an anderer Stelle schmeckt es etwas eisenhaltiger oder kalkreicher. Pferde zeigen sich sehr sensibel für diese Unterschiede und „wissen“ was ihnen zu welchem Zeitpunkt guttut.

Bewegungsanreize zu Hause schaffen

 

Ich bin jedenfalls seitdem sehr froh darüber, dass wir unseren Pferden Zuhause unterschiedliche Möglichkeiten Wasser aufzunehmen anbieten können und sie dafür lange Wege zwischen den einzelnen Bereichen des Paddock Trails durchqueren können. So haben unsere Pferde auf ihrem Rundlauf sowohl die Möglichkeit aus einer Badewanne zu trinken, ihren Durst aus einem Teich zu stillen oder aber den Wasserwagen aufzusuchen. Auch bei unseren Pferden lässt sich beobachten, dass sie in dieser Haltungsform viel mehr unterwegs sind als zuvor in der vorherigen Offenstallhaltung mit großem Paddock und Weide, aber ohne einen Trail mit verschiedenen Laufwegen.

Die Stimmen der Pferde

 

Die Cavallini della Giara haben mich mit ihren auffälligen Lautäußerungen, ihren vielfältigem Wiehern und dem Brummeln total überrascht. Ich habe noch nie so häufig Pferde rufen hören wie auf der sardischen Hochebene. Sehr oft hielten die Pferde mit einem lauten Wiehern Kontakt zu ihren Artgenossen. Das hat sicher seinen Ursprung in der Tatsache, dass die übliche pferdetypische Kommunikation über ihre optische Körpersprache in dem unübersichtlichen Gelände mit dem dichten Buschwerk nur sehr eingeschränkt praktiziert werden kann. Die kleinen Pferdchen können sich in dieser Landschaftsform nur an den offenen Wasserstellen auch über größere Distanzen sehen und müssen daher über ihre Rufe Kontakt zueinander aufrechterhalten. Interessant war auch die Vielfalt ihrer sozialen Geräusche. Es gab Arten von Wiehern, die ich tatsächlich in meinem ganzen Leben noch nie gehört habe. Die Bedeutung dieser Rufe zu erforschen wäre ein Traum für ein Studienprojekt und ich hoffe bei meinem nächsten Treffen mit ihnen mehr über die Stimmen der Cavallini della Giara zu erfahren.

Schattenreiche

 

Unter der sardischen Hitze ist mir auch einmal mehr aufgefallen, wie wichtig den Pferden der Witterungsschutz in jeglicher Form ist. Zur Mittagszeit fanden sich überall kleine Grüppchen Pferde im Schutze der schattenspendenden Korkeichen und dösten dort gemeinsam. Dort ruhten die Fohlen zu Füßen ihrer Mütter, befreundete Tiere standen nah beieinander. Diese Siesta wurde durchaus für längere Zeiträume zelebriert. Aus diesem Grunde denke ich, wir müssen auch in unserer Hauspferdehaltung nicht nur für Schutz vor Regen sorgen, sondern soviel natürlichen Schatten wie möglich anbieten.

Ruheoasen und soziale Orte

 

Büsche, Sträucher und Bäume bieten ein anderes Klima als etwa der Schatten eines Gebäudes, beide Varianten werden von Pferden zu unterschiedlichen Tages- oder gar Jahreszeiten aufgesucht. Auch sind diese geschützten Plätzchen nicht nur der vorherrschenden Witterung geschuldet, sondern sie sind viel mehr auch soziale Orte an denen sich die Tiere zusammenfinden, miteinander kommunizieren und durch die selbstbestimmte Nähe ihre Beziehungen pflegen.

Freunde und Familie

 

Der Akt und der Zeitpunkt des Absetzens ist ein vieldiskutiertes Thema bei der Haltung von Pferden in Menschenhand. Für viele Fohlen bedeutet die Trennung von der Mutter eine traumatische frühkindliche Erfahrung, welche sich auf das gesamte Leben auswirkt, da es oft viel zu abrupt und zu früh stattfindet. Bei den Cavallini della Giara habe ich beispielsweise keine einzige einjährige Stute beobachtet, die nicht noch bei ihrer Mutter war. Trotz des aktuellen Saugfohlen folgten auch die Jährlingsstütchen ihrer Mutter auf dem Fuße. Vereinzelt tranken sie auch noch bei ihrer Mutter. Die kleinen Jährlingshengste befanden sich teilweise ebenfalls noch bei ihren Müttern und nur vereinzelnd in den Junggesellengruppen mit anderen Junghengsten. Diese Beobachtungen bei einer wildlebenden Pferdepopulation zeigen uns auf jeden Fall welche Bedürfnisse die Spezies Pferd auszeichnet, wenn sie ihr Leben selbstbestimmt fernab des menschlichen Einflusses ausleben dürfen. Sie brauchen nicht nur die Nahrungsquelle Stutenmilch, sondern ebenso ihren Schutz und den sozialen Nährboden für ihre Persönlichkeitsentwicklung, wenn sie ihre individuelle Reifung im Schoße ihrer Familie und zusammen mit ihren Freunden erleben dürfen.

Gemeinschaft als Quintessenz der Existenz

 

Die Zugehörigkeit zu den vertrauten Herdenmitgliedern ist die Quintessenz ihrer Existenz, denn kein Pferd ist eine Insel. Auf Sardinien konnten wir ihren alternativen Lebensentwurf beobachten, wie sie ihr eigenes Schicksal bestimmen, wie sie ihren Alltag gestalten und sich an ihre Umwelt angepasst haben. Wir vergessen oft wie stark wir alle Aspekte des pferdischen Lebens bestimmen, kontrollieren und einschränken. In menschlicher Obhut sind wir Menschen nämlich der stärkste evolutionäre Faktor, welcher darüber entscheidet ob bestimmte Verhaltensweisen gezeigt werden dürfen oder welche Freiheit wir den Tieren gewähren. Es war für mich eine wundervolle Erfahrung die wilden Pferde Sardiniens besuchen zu dürfen, an einem Ort an dem die Natur größer und wichtiger ist als wir kleinen Menschen und man ein wenig mehr Bescheidenheit im Angesicht ihrer natürlichen Schönheit erfährt.

Marlitt Wendt & Conny Ranz

AUTHOR: Conny & Marlitt