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Das Lernen von Pferden kontrollieren? | RPlus
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Lernen begleiten, nicht kontrollieren

 

Das stark vereinfachte Bild vom Clickertraining verlässt sich nur allzu häufig auf die verführerische Übersichtlichkeit der wenigen Regeln der operanten Konditionierung. Demnach „funktionieren“ Tiere nach dem Reiz-Reaktions-Schema, wobei Belohnungen ein Verhalten verstärken und Strafen hemmend wirken. Doch sind diese Lerngesetze und Regeln wirklich umfassend und erklären was wirklich beim Lernen passiert? Die Wahrheit ist, wir wissen es noch nicht ganz genau und abschließend, sondern können uns nur auf unsere eigenen Beobachtungen, wissenschaftlichen Untersuchungen, die Arbeit von professionellen Tiertrainer*innen und die physiologischen Parameter des Pferdekörpers stützen.

Mosaik der Erkenntnis

 

Das Thema Lernen ist hochkomplex und parallel sind dabei für jedes Individuum immer viele unterschiedliche Ebenen der eigenen Wahrnehmung relevant. Vom praxisorientierten, zielgerichteten Erfahrungsschatz der Profitrainer*innen, die Tiere für Filmaufnahmen oder den Service-Einsatz am Menschen ausbilden über die Erkenntnisse der Wissenschaftler*innen aus den Fachbereichen der Ethologie, die Vergleiche zur Psychologie des Menschen bis hin zu Entdeckungen aus der aktuellen Neurophysiologie reichen die Mosaiksteinchen, die nach und nach das Bild von kognitiven Lernprozessen vervollständigen werden. Bis dahin tut man allerdings gut daran jede Erkenntnisebene mit der nötigen Distanz zu betrachten und sich nicht vorschnell von einem einzigen scheinbaren Fakt mitreißen zu lassen. Oft genug entpuppen sich vermeintlich allgemeingültige Lerngesetze als beobachtbare Phänomene in einem ganz bestimmten Setting, die ihre Bedeutung nur in Bezug auf den vorliegenden Versuchsaufbau, auf Laborbedingungen oder einen streng kontrollierbaren Trainingsraum haben, da sie sich nicht direkt in den Alltag mit unseren Pferden übertragen lassen.

Die Wirklichkeit ist unberechenbar

 

Wir müssen damit leben, dass letztlich unendlich viele Faktoren Einfluss auf unseren Trainingserfolg haben und wir wiederum nur sehr begrenzt Einfluss auf diese einzelnen Aspekte nehmen können. Der*Die Delfintrainer*in steht beispielsweise in der Regel außerhalb des Wasserbassins, er*sie kann viele Rahmenbedingungen sehr gezielt kontrollieren, das Tier kann den Bereich darüber hinaus nicht verlassen. So erinnert die Arbeit der Delfintrainer*innen sehr stark an die Laborbedingungen der Verhaltensforschung. Daraus abgeleitet können wir aber nicht alle für Delfintrainer*innen geltenden Regeln, Tipps und Erkenntnisse einfach eins zu eins auf den Pferdebereich übertragen. Wir werden vermutlich daran scheitern, wenn wir nicht auf der einen Seite mit passenden Managementmaßnahmen arbeiten und auf der anderen allgemeingültige Trainingsprinzipien befolgen und auf bestehendes Wissen zurückgreifen.

Manipulation mit dem Clicker?

 

Es wird uns gerade als Anfänger*innen nicht gelingen ein Pferd völlig frei nur mit Hilfe von Click und Futter korrekt bis zur hohen Schule auszubilden, wenn wir es gleichzeitig ständig inmitten seiner Herde auf dem frischen Gras belassen wollen. Um es klar zu sagen: Clickertraining an sich bedeutet ebenso Manipulation wie jede andere Trainingsform auch. Wir Menschen sind es, die versuchen durch geschickte Auswahl von Verstärkern, Veränderung des Trainingssettings oder Motivation des Pferdes sein Handeln in unserem Sinne zu beeinflussen. Letztlich könnte man so argumentieren, dass irgendwo jede Form der Erziehung ein Stück weit Manipulation bedeutet. Wir definieren dabei was richtig und damit einen Click wert ist und was falsch bzw. nicht zielführend ist und damit keine Belohnung bedeutet.

Machtvolles Werkzeug

 

Und genau deswegen steht uns mit dem Markersignal ein so machtvolles Werkzeug zur Verfügung. Wir sind es, die es buchstäblich mit dem Clicker in der Hand haben, wie eine Trainingssituation vom Pferd empfunden wird. Ob es hauptsächlich Erfolgserlebnisse hat, ob es über eine hohe Belohnungsrate geleitet wird und viel Feedback bekommt, oder aber ob es quasi im Dunkeln tappt und durch unsere unstrukturierte Vorgehensweise nicht versteht was eigentlich die vorgegebenen Lernziele sind. Daher ist es für mich sehr wichtig sich zu entscheiden, wann wir mit dem sehr präzisen Werkzeug wie dem Markersignal arbeiten und wann eine etwas ungenauere, aber dafür weniger fehleranfällige Vorgehensweise wie zum Beispiel über Kraullob vielleicht besser geeignet ist. Es ist also eher eine Frage wann wir eine bestimmte Methode einsetzen und nicht die Frage ob wir uns endgültig für eine bestimmte Arbeitsform entscheiden.

Einfach sein versus ständig tun

 

Ich arbeite beispielsweise lieber kurz und konzentriert einige Minuten mit einem Markersignal und effektiv an definierten Trainingskriterien um dann wieder Entspannung zu entwickeln und bewusst einfach Zeit mit dem Pferd zu verbringen und nun gar nichts verbessern oder neu erarbeiten zu wollen. Dann bin ich einfach da, lobe das Pferd, füttere es beiläufig oder kraule es und lasse es dabei gerade nicht in eine konzentrierte Trainingsstimmung kommen. Beide Settings ergänzen sich im Idealfall. Viel mehr Zeit verbringe ich absolut gesehen im Modus „einfach da sein“ und nur einen Bruchteil der gemeinsamen Zeit im Modus „fokussiertes Tun“. Einfach weil die fokussierte Arbeit eine enorm hohe Konzentration erfordert und damit anstrengend und schneller ermüdend für Mensch und Tier sein kann. Einfach da sein für unser Pferd können wir immer und während dieser entschleunigten Phase mindestens ebenso viel voneinander lernen, wie bei unseren gemeinsamen Arbeitstreffen.

Weil uns einfach soviel mit den Pferden verbindet, Marlitt

Positive Verstärkung leben

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Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

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AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt