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RPlus | Pferde sind Fluchttiere
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Was bedeutet das eigentlich wirklich?

 

Die Angst ist eine wichtige Emotion für die allermeisten höheren Lebewesen – nicht nur für Pferde. Die empfundene Unsicherheit, die Besorgnis über den eigenen Zustand und das eigene Wohlbefinden verhelfen dem Pferd dazu vorsichtig zu sein und das eigene Leben und die eigene Gesundheit bestmöglich zu schützen. Pferde sind keine Beutegreifer, also keine Raubtiere, die aktiv jagen, sondern im Gegenteil in der Natur die Beute der Prädatoren. Daraus resultiert letztlich die angeborene Vorsicht vor dem Schicksal das Opfer eines großen Fleischfressers zu werden. So sind Pferde in bestimmten Situationen, die eben typisch für solche „Räuber-Beute-Szenarien“ sind, ängstlicher als andere Haustiere. Pferden ist eine gewisse Sensibilität unbekanntem gegenüber angeboren und sie zeigen ausgeprägte Fluchtreflexe bei bestimmten Reizen, was jedoch nicht bedeutet, dass sie z.B. den eigenen Artgenossen gegenüber oder generell gesprochen ängstlich sind. Auch Pferde besitzen nämlich ein vielfältiges Repertoire an Angriffs- und Verteidigungsstrategien, welche situationsbezogen eingesetzt werden können.

Der Begriff Fluchttier zu einfach?

 

Der Begriff Fluchttier leitet sich eben von der Situation des Pferdes in der Natur in Bezug auf die Beutegreifer ab. Die häufigste Reaktion eines Pferdes auf den Angriff eines Raubtieres ist die Flucht und nicht etwa der Kampf. Das bedeutet für den*die Reiter*in, dass ein Pferd meistens in Situationen, in denen es sein Leben, seine Gesundheit oder einfach seine ausgeglichene Stimmung zu verlieren droht, mit Flucht reagieren könnte. Dieser Begriff ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Wir wissen heute, dass die alte “Flight or Fight“-Theorie (Die besagt, dass das Pferd bei Gefahr nur die beiden Optionen kennt: zu fliehen oder zu kämpfen) allein nicht zutrifft.

Die 4 F’s

 

Jedem Lebewesen stehen bei einer empfundenen Bedrohung noch mehr Lösungsmöglichkeiten zur Verfügung als nur diese beiden. Die 4 möglichen Handlungsoptionen werden als die 4 F´s bezeichnet: Flight, Fight, Freeze und Flirt bzw. Fizzle (fliehen, kämpfen, erstarren bzw. abwarten, flirten, bzw. „herumkaspern“ oder kooperieren). Je nach Situation wird sich jedes Pferd also nicht immer für die Flucht entscheiden, sondern nach den persönlichen Vorlieben und Erfahrungen durchaus auch auf die anderen Strategien zurückgreifen. Als Reiter*in ist es nun wichtig die Hauptstrategien des eigenen Pferdes zu kennen und zu verstehen wie es bei empfundenen Stress reagiert. Die meisten Pferde fühlen sich in den typischen Alltagssituationen eher selten in ihrem Leben bedroht, der*die Reiter*in wird also nicht ständig Fluchttendenzen, sondern häufig die anderen möglichen Verhaltensoptionen beobachten können, wie z.B. ein vermeintlich “stures“ Pferd, welches dann die Freeze-Stratgie für sich gewählt hat.

Nicht schematisch, sondern höchst individuell

 

Pferde reagieren nicht in jedem Lebensbereich mit einer identischen Verhaltensantwort. Auch kann ein Pferd in einer ganz bestimmten Situation eine eindeutige Verhaltensweise zeigen, während es zu einem späteren Zeitpunkt in scheinbar derselben Situation ganz anders reagiert, hier unterscheidet sich manchmal die vorherrschende Ausgangssituation nur in winzigen aber für das Pferd relevanten Nuancen. Der Umgang mit Angst ist auch beim Pferd höchst individuell. Es gibt zwar typische Situationen, wie das Auftauchen eines potentiellen Beutegreifers (z. B. größerer Hund in einiger Entfernung) oder die Verhaltensantwort auf die Angstreaktion anderer Herdenmitglieder, die zu typischen Fluchtverhalten und dem Schaffen von Distanz zwischen sich und dem Angstauslöser führen. Aber darüber hinaus gibt es viele Verhaltensoptionen, in denen je nach Grad der Angst und abhängig vom Individuum die Reaktionen ganz unterschiedlich ausfallen können.

Angst im Pferdealltag

 

So äußert sich die Angst vor Tierärzt*innen (vielleicht aufgrund einer negativen Erfahrung) als Beispiel bei einigen Pferden in wildem Herumtänzeln, also in einem angedeuteten Fluchtversuch, bei anderen in eindeutigen aggressivem, distanzschaffendem Verhalten wie dem Schnappen oder Treten. Pferde können aber auch aufgrund ihrer Vorerfahrungen mit Erstarrung reagieren oder vermehrt kommunizieren bzw. flirten, um so den Stresslevel für sich auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Angstauslöser meist erlernt

 

Die allermeisten Angstauslöser entstehen im Laufe des Pferdelebens durch ihre Erfahrungen und die damit verbundenen Assoziationen. Negative Erlebnisse werden abgespeichert und mit ähnlichen Situationen verknüpft, so können auch leicht generalisierte Ängste entstehen. Eine Angstreaktion vor DEM Tierarzt etwa kann so in eine Abneigung gegenüber Männern generell erweitert werden. Auch werden die typischen Vorzeichen einer angstbesetzten Situation schon frühzeitig von den Tieren identifiziert und sehr gut verinnerlicht. Pferde merken sich gleichbleibende Abläufe sehr nachhaltig und erkennen das Auto des oder der ungeliebten Hufschmied*in schon von weitem, oder am Klang des Metalls, dass nun schon wieder das scharfe Gebiss aus der Stallkammer geholt wird.

Potentiell angstauslösende Situationen im Pferdealltag

Der Mensch als Angstauslöser

 

Die ursächliche Angstauslöser liegen immer in den sehr persönlichen Empfindungen der Pferde, den Schmerzreizen in bestimmten Lernumfeldern oder in dem empfundenen Stress begründet. Der Auslöser für unangenehme Reize im Pferdealltag ist ja leider häufig der Mensch, wenn mit Strafen und druckbasiertem Training die Tiere mit unangenehmen Erfahrungen belastet werden, zudem stellt die nicht artgerechte Haltung vieler Pferde einen weiteren Risikofaktor dar

Pferde sind Meister*innen der Wahrnehmung

 

Zudem besitzen Pferde eine viel feinere Wahrnehmung als wir Menschen. Sie hören Geräusche oder sehen Details, die wir entweder gar nicht wahrnehmen oder für uns als nicht wichtig erachten. Dadurch entsteht bei ihnen ein ganz anderes Abbild der vermeintlich gleichen Situation, da z.B. eine unbekannte Geruchskomponente den gesamten Kontext verändern und so zu erhöhter Aufmerksamkeit führen kann. Zusätzlich reagieren sie sehr sensibel auf die Gefühlsebene ihres Umfeldes. Hat beispielsweise ein anderes Pferd in Sichtweite Angst in der Situation nimmt unser Pferd diese körpersprachlichen Informationen wahr und neigt dann zur Vorsicht. Pferde spüren auch immer die Unsicherheit des oder der Reiter*in, der*die vielleicht aufgrund seiner*ihrer eigenen Vorerfahrungen etwas angespannt reagiert und diese Befindlichkeiten unbewusst ans Pferd kommuniziert.

Lebenslange Begleiterin Angst

 

Die Angst bleibt eine ständige Begleiterin in unserem Leben, da es ein lebenswichtiges “Programm“ der Natur darstellt, welches sich immer wieder einschalten wird, um unser Pferd und uns Menschen vor potentiellen Gefahren zu schützen. Wir können aber lernen die möglichen Angstreaktionen unseres Pferdes besser einzuschätzen und so die möglichen Risiken für uns zu minimieren. Zu diesem Zweck müssen wir die Tiere sehr genau beobachten, um ihre sehr individuellen Angstauslöser identifizieren zu können, Stresssituationen in ihrem Gesamtkontext wahrzunehmen und die bevorzugten Verhaltensoptionen des eigenen Pferdes bei empfundener Angst abzuschätzen.

Präventiv Angstsituationen entschärfen

 

Mit gezieltem Training können schon im Vorfeld viele Konfliktsituationen vermieden werden. Bei bereits etablierten Anzeichen von Meideverhalten oder Ängsten können wir über eine behutsame Gegenkonditionierung typische Problemfelder entschärfen und durch hochbestärkte Alternativverhalten ersetzen. Auch können wir über die konditionierte Entspannung oder z.B. mithilfe der Target-Arbeit oder mit einem eingeführten Signal für das Kopfsenken den Stresslevel im Alltag für das Pferd deutlich absenken. Jede*r von uns erfährt in seinem Alltag immer wieder Situationen die uns verunsichern, uns Stress bereiten oder in denen wir körperlich Angst verspüren, dies gilt sowohl für uns wie auch für unsere Pferde. Es liegt nun an uns wie wir uns diesen Emotionen stellen und wie wir im Alltag mit unserem Pferd stressbelastete Situationen identifizieren und auflösen können.

Bleibt vorausschauend und verständnisvoll. Kein Pferd erschrickt sich mit Absicht, Marlitt

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Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

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AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt