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RPlus | Stresstypen und Frustvermeidung
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Frustration und Stress

 

Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass eine klare Abgrenzung zwischen reiner „Frustration“, also dem Versagen eines Wunsches oder dem Nichterreichen können eines inneren Zieles und „Stress“, einer durch äußere Reize hervorgerufene körperliche Reaktion bzw. Anspannung, kaum möglich ist. Die physiologischen Abläufe sind untrennbar miteinander verbunden. Kaum ein Pferdehalter kann einem Pferd ein wirklich natürliches Leben in einer „echten“, gewachsenen Herde mit genügendem Raum und ständigem Futterangebot bieten. Auch stellt sich die Frage, wie ein „natürliches“ Leben eines Pferdes aussieht, denn das ist ja von Pferd zu Pferd verschieden. Ein Hengst wird in der Natur ein ganz anderes Leben führen als eine Stute und anderen Frustrationen ausgeliefert sein.

Die Natur des Pferdes

 

Auch in der Natur gibt es für kein Lebewesen eine Welt ohne Frustration, daran hindert einen die Umwelt und die Artgenossen, die eigene Wünsche verfolgen. Pferde sind heute als Haustiere gezüchtet, unterschiedliche Merkmale wurden vom Menschen bewusst oder unbewusst selektiert. Daher ist es von Pferd zu Pferd (also von Individuum zu Individuum) und von Rasse zu Rasse unterschiedlich, welche Situationen frustrierend oder stressig empfunden werden. Neben einer Veranlagung für bestimmte Stressreaktionen bestimmt die individuelle Lebensgeschichte und die Lernerfahrungen des jeweiligen Pferdes seine Frustrationstoleranz und seine Reaktionen auf frustrierende Ereignisse. Daher muss die Frage nach dem Ertragen von Frust ganz individuell betrachtet werden.

Beispiel Frustrationsbewältigung beim Fohlen

 

In der Natur lernt das Fohlen schon in der frühesten Jugend von den anderen Herdenmitgliedern oder aus deren Verhalten ihm gegenüber, Strategien zur Frustrationsbewältigung zu entwickeln. Beispielsweise ist das „Abstillen“ des Fohlens ein langsamer Prozess, der dem Fohlen genügend Zeit lässt, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Das häufig praktizierte „Absetzen“ von heute auf morgen (oft dazu noch viel zu früh) stellt jedoch eine extreme Stress-Situation dar, der das Fohlen ohne Vorbereitung ausgeliefert ist.

Frustrationstoleranz im Fohlenalter erlernen

 

Pferde können in allen Lebensbereichen frustriert oder gestresst reagieren, sei es durch den versagten Wunsch nach Bewegung, Futter, Sozialkontakten… Ob es in der Lage ist damit umzugehen hängt entscheidend von den Vorerfahrungen ab. Wir sollten dem Pferd in der so wichtigen Sozialisierungsphase im Fohlenalter ermöglichen, sowohl Erfahrungen mit anderen Pferden zu machen, als auch Erfahrungen im Umgang mit Menschen und der menschlichen Umgebung zu machen, um eine „normal“ ausgeprägte Frustrationstoleranz zu schaffen. Damit sinkt das Risiko, dass sich später Probleme mit dem Pferd entwickeln. Aus Frust entstehen nämlich häufig Passivität (Ohnmacht), Aggressionen, Autoaggressionen, Depressionen oder Stereotypien. Aus langanhaltendem Stress entstehen auch körperliche Beschwerden wie Immunschwäche, Magengeschwüre oder andere Stoffwechselprobleme. Weiterhin verringert sich die Lernfähigkeit und das Erinnerungsvermögen des Tieres.

Aktiver Stresstyp

 

Frustration oder Stress zu erkennen ist nicht immer ganz einfach: zunächst müssen wir zwischen aktiven und passiven Stresstypen unterscheiden. Es gibt Pferde, die aktiven Stresstypen, die bei Frust eher herumtänzeln, schnappen oder auch steigen, und andere Pferde, die passiven Stresstypen, welche eher „erstarren“, plötzlich immer langsamer werden und „stur“ oder „faul“ auf den ungeübten Betrachter wirken.

Passiver Stresstyp

 

Passive Stresstypen wirken auf den Betrachter „ruhig“ und nicht aufgeregt, daher denken die Besitzer häufig, diese Pferde wären stressresistent. Dies trifft jedoch nicht zu. Dieser Stresstyp „frisst seinen Kummer lange in sich hinein“, bis er dann scheinbar unvermittelt hervorbricht. Jeder Reiter sollte auf Calming Signals wie z.B. häufiges Gähnen oder auch Leerkauen, defensiver Gesichtsausdruck oder fehlendes Ohrenspiel bzw. auf körperliche Veränderungen, wie veränderte Atmung, Schwitzen, Äppeln, verspannte Muskulatur oder auch nur eine Veränderung der Lippen oder Nüstern achten. Kennt man sein Pferd gut, wird man ein Gefühl dafür entwickeln, wie gestresst das eigene Tier gerade ist.

Die Bedürfnisse stillen

 

Ein Pferd sollte sowohl im Training als auch in der Haltung weder unter- noch überfordert werden. Es muss seine natürlichen Bedürfnisse nach Futter, Bewegung, Sozialpartner und Ruhephase ausreichend seiner Persönlichkeit entsprechend stillen können. Jede Veränderung im Training, in der Haltung, im Futter sollte behutsam vorbereitet werden. Das bedeutet auch, einen konstanten Trainingsplan einzuführen und für geistige und körperliche Beschäftigung zu sorgen, auch mit Hilfe von Reit- bzw. Pflegebeteiligungen, wenn man selbst verhindert ist.

Reizüberflutungen vermeiden

 

Wir sollten so früh wie möglich beginnen, unser Pferd mit späteren Außenreizen, wie dem Pferdeanhänger, fremder Umgebung und Straßenverkehr aussetzen, dabei achtet man darauf, dass man es langsam an Reize gewöhnt (systematische Desensibilisierung) und nicht durch Reizüberflutungen überfordert. Dies ist vor allem auch bei der Gewöhnung an besondere Ereignisse wie Turniere oder sonstige Veranstaltungen nötig.

Lösungsstrategien entwickeln

 

Pferde können kurzfristigen Frust ertragen, wenn sie Lösungswege erkennen können und gelernt haben, selbst Lösungsstrategien zu entwickeln. Zuviel wird der Frust dann, wenn er über eine längere Zeit anhält und zu echtem Stress wird. Wann das soweit ist, ist von Pferd zu Pferd unterschiedlich.

Haltung und Versorgung

 

Übermäßigem Frust vorbeugen können Pferdehalter auch durch eine naturnahe Haltung und Versorgung der Pferde. So bleiben in der Boxenhaltung viele natürlichen Bedürfnisse auf der Strecke, die Entwicklung von stressbedingten Problemen ist nicht unwahrscheinlich.

Durchdachtes Training

 

Beim Pferdetraining sollte positiv gearbeitet werden, um den Stresslevel so niedrig wie möglich zu halten. Dennoch wird es immer dann Frust beim Pferd geben, wenn es keine Lösung sieht oder es eine Übung nicht versteht. Durch geschickten Übungsaufbau und vielen Erfolgen kann man dem Pferd helfen, seine Frustration zu überwinden und Erfolgserlebnisse zu haben.

An einem Strang ziehen

 

Vor allem sollten alle an der Erziehung des Pferdes beteiligten Personen an einem Strang ziehen und einheitliche Signale geben und klare Regeln aufstellen. Was heute erlaubt ist, darf morgen nicht verboten werden, da sich das Pferd sonst nicht in der Trainingswelt zurechtfinden kann.

Fazit

 

Pausen sind für jedes Lebewesen unerlässlich. Diese Tatsache wird beim Training häufig nur in körperlicher Hinsicht beachtet. Auf physiologische Erschöpfungsmerkmale reagieren glücklicherweise die meisten Reiter, auf die Hinweise auf die psychische Verfassung ihrer Pferde häufig weniger. Der psychische Stresslevel kann niedrig gehalten werden, wenn wir gelernt haben, auch die feinen Signale der Körpersprache richtig zu interpretieren und angemessen auf die Bedürfnisse der Pferde einzugehen.

aus „Pferdsein reloaded“

Immer schön locker bleiben, Marlitt

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Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt