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RPlus | Strukturen von Pferdeherden
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Was ist dran am Dominanzgedanken?

 

Jede*r sieht die Realität ein Stück weit anders, Dressurtrainer*innen anders als Pferdebesitzer*innen, Wissenschaftler*innen anders als Esoteriker*innen. So verschieden die Menschen und ihre Weltsicht, so unterschiedlich ist auch ihr Blick auf die Beziehung zwischen Pferd und Mensch. Gerade in Bezug auf die Erklärungsmodelle und Begründungen für die unterschiedlichen Ansätze zum Pferdetraining scheiden sich die Geister. Während die einen Dominanz und Hierarchien innerhalb der Pferdeherde als natürliches Vorbild für eine funktionierende Pferd-Mensch-Beziehung sehen, orientieren sich die anderen eher an den Erkenntnissen der Verhaltensforschung und den Lerntheorien, die gerade diese Begriffe relativieren und in ihrer Bedeutung für eine Beziehung mit dem Pferd in Frage stellen.

Aus dem Kontext gerissen

 

Oftmals werden bei der Erläuterung einer Trainingsmethode Begriffe und Modelle verwendet, die ihren Ursprung in der Verhaltensbiologie haben. Diese haben jedoch strenge Definitionskriterien die ständig mit fortschreitendem Stand des Wissens verschoben werden und nicht starr in ihrer Form bleiben. Oft genug wurden nun von bestimmten Vertreter*innen einzelner Ausbildungsrichtungen einfach Begriffe aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen oder aber unzulässig erweitert um bestimmte Techniken zu rechtfertigen. So wird beispielsweise in weiten Kreisen immer noch angenommen, dass Pferdeherden einer strengen Hierarchie unterliegen, Rangordnung und Dominanz jene Merkmale in der Pferdeherde sind, die ihre Struktur am besten beschreiben.

Veraltete Thesen

 

Dabei sollen angeblich einzelne Tiere von den anderen als Leittiere angesehen werden, welche unangefochten die Führung in jeder Lebenslage übernehmen. Ausgehend von dieser Vorstellung soll der Mensch nun ebenfalls diese Führungsposition erarbeiten und diese mithilfe diverser von Trainingsmethode zu Trainingsmethode unterschiedlicher Dominanztraining untermauern. Das angestrebte Ziel ist es ein gehorsames Pferd zu haben, welches in seinem Handeln bedingungslos dem Menschen folgt. Dabei gelten die meisten dieser Trainingsformen als gewaltfrei und pferdegerecht. Bei genauerem Blick auf die unterschiedlichen Erklärungsmodelle und Trainingstechniken stellt sich doch zumindest die Frage, wie pferdefreundlich, modern und ethisch vertretbar diverse Methoden tatsächlich sind. Die Antwort auf viele dieser Fragen kann jede*r Pferdeliebhaber*in nur für sich selbst treffen. Es hilft aber die unterschiedlichen Aspekte, Behauptungen und Denkansätze in Frage zu stellen und sie auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen:

Was bedeutet die Dominanztheorie?

 

Steht das Pferd nicht still am Anbindeplatz, zieht es gar am Führstrick, überholt den Menschen, steigt oder weicht nicht schnell genug rückwärts, so wird in Reiter*innenkreisen als Ursache schnell das Prädikat „dominantes Pferd“ gehandelt. Wann immer ein Pferd sich nicht so verhält wie es das nach Meinung des Menschen sollte, so wird immer wieder geraten Dominanztraining zu betreiben, um das Pferd an seinen Platz zu verweisen und die eigene Führungsrolle zu festigen. Schwierigkeiten sollten im Folgenden quasi ausgeschlossen sein. Doch woher kommt eigentlich die Vorstellung der Dominanzhierarchie?

Die Hühnerleiter

 

Anfang des 20. Jahrhunderts verwendeten Forscher*innen den Begriff der Rangordnung erstmals um die Hierarchie und das Sozialverhalten von Hühnern zu beschreiben. Sie fanden heraus, dass es eine Art Hackordnung gibt, bei denen die einzelnen Tiere feste Positionen innerhalb der Gruppe einnehmen. Diese stellten sie sich als eine Art Leiter vor, auf deren unterster Sprosse das rangniedrigste Tier, welches auch Omegatier genannt wurde, sich befand bis hinauf zum auf der obersten Sprosse befindlichen Alphatier. Dabei sollte das Alphatier allen anderen überlegen sein und jedes Individuum den ihnen unterstellten Tieren.

Ein Modell für alle Spezien?

 

In den folgenden Jahrzehnten wurde dieses einfache Modell auf diverse andere Tierarten übertragen, ohne die Theorie an der Realität zu überprüfen. So entdeckten Pferdeverhaltensforscher*innen erst Jahrzehnte später, dass die Behauptung, dass es eine lineare Rangordnung gäbe, bei der die einzelnen Pferde wie in einer Reihe ihren Rang behaupten, gar nicht haltbar ist. Es gibt in der Pferdeherde keine solche lineare Rangordnung, sondern im Gegenteil sehr komplexe Strukturen, die zudem von Herde zu Herde äußerst vielgestaltig sind.

Komplexe, nicht-lineare Beziehungsmuster

 

Dreiecksbeziehungen, Paarbindungen und Freundschaften bestimmen das Gesamtbild der Pferdeherde. Ein Beispiel für eine Dreiecksbeziehung wäre, dass Pferd A sich dominant gegenüber Pferd B verhält, Pferd B gegenüber Pferd C, Pferd C jedoch dominant gegenüber Pferd A. Oft gibt es auch Freundschaftsmuster: Ist beispielsweise Pferd A mit Pferd B eng befreundet und Pferd B direkt anwesend, so verhält sich Pferd A dominant gegenüber Pferd C. Ist B allerdings gerade nicht zugegen so verhält sich C dominant gegenüber A. Blickt man auf die so entstehenden vielfältigen Beziehungsmuster unter Pferden, so ist es unmöglich diese als vereinfachtes Lösungsmodell zu beschreiben.

Denfiniere Dominanz

 

Aus den immer detaillierteren Forschungsergebnissen ergab sich eine Definition des Begriffes „Dominant“: Dominanz ist kein Dauerzustand. Sie beschreibt lediglich eine Momentaufnahme im Sozialkontakt von zwei oder mehr Individuen, die miteinander zu einem bestimmten Zeitpunkt um Ressourcen konkurrieren. Dominanzbeziehungen können immer dann entstehen, wenn immer dieselben Individuen einer Art um dieselben Ressourcen konkurrieren. Nach dieser wissenschaftlichen Sichtweise ist es nicht möglich, dass Pferd und Mensch eine Dominanzbeziehung eingehen: Sie gehören weder derselben Tierart an, noch konkurrieren sie um dieselben Ressourcen. Der Begriff der Dominanz und der Rangordnung ist somit ein falsch verwendeter Begriff für die Beziehung zwischen Pferd und Mensch.

Wie ist die soziale Struktur innerhalb der Pferdeherde?

 

Je weiter die Forschung voranschreitet, desto mehr Erkenntnisse erwachsen zu den sozialen Strukturen innerhalb der Pferdeherde. Die komplexen Beziehungsgeflechte und Freundschaften rücken weiter in den Fokus der Wissenschaft. Die Beziehung der Tiere untereinander ist der soziale Kitt der Pferdeherde. Es handelt sich um individualisierte Verbände, jedes Tier ist ebenso einzigartig wie jeder Mensch und dadurch entstehen ganz unterschiedliche Gruppenstrukturen und Beziehungsmuster.

Beziehungsgeflechte im Fokus

 

So unterscheidet sich eine rein aus männlichen Pferden bestehende sogenannte Junggesellengruppe oder Bachelorgroup sich gravierend von einem Familienverband mit einem Hengst, seinen Stuten und noch nicht geschlechtsreifen Nachkommen. Während der Verband einer Junggesellengruppe sehr locker ist und einem häufigen Wandel unterliegen, sind die Rollen im Familienverband wesentlich strenger verteilt und langfristig konstant. Um also überhaupt eine Aussage über eine Pferdegruppe treffen zu können, muss man sich einen Überblick über die soziale Struktur der Tiere verschaffen.

Ein Blick auf die Hintergründe einzelner Pferdetypen

 

Ganz entscheidend spielen auch die ökologischen Bedingungen eine Rolle im Sozialverhalten der Pferde. Pferdetypen unterscheiden sich je nach Herkunft, Klima, Nahrungsangebot und vielen anderen Standortfaktoren gewaltig in ihrem Verhalten. Während etwa viele Ponytypen in engen Verbänden mit einer großen Anzahl an Tieren leben, leben viele Bewohner*innen der Halbwüsten in sehr viel kleineren, lockerer organisierten Verbänden.

Individuelle Ausprägungen

 

Entscheidend ist auch die persönliche Erfahrung des einzelnen Tieres für den Halt der gesamten Gruppe. Weisen einzelne Tiere aufgrund von empfundenem Futtermangel beispielsweise ein erhöhtes Aggressionspotential auf, so erscheint das gesamte Gruppenleben wesentlich aggressiver als es ohne dieses eine Individuum wäre.

Künstliche Gruppenkostellationen

 

Wir dürfen zudem nicht vergessen, dass unsere Hauspferdegruppen fast immer künstlich von uns Menschen zusammengestellt werden und nicht natürlich gewachsen sind. Wir sperren verschiedene Persönlichkeiten der unterschiedlichsten Rassen mit ihren eigenen Vorerfahrungen, Bedürfnissen, Stärken und Schwächen gemeinsam in einen begrenzten Auslauf. Würde man solche künstlichen Bedingungen nun als Grundlage für das natürliche Sozialverhalten des Pferdes heranziehen, so wird man zu ganz anderen Ergebnissen gelangen als bei frei lebenden Pferden.

Verfälschtes Gesamtbild

 

Fakt ist, dass sozialer Stress, Nahrungsknappheit und Enge je nach Pferdetyp und Individuum die Aggressivität erhöht und das tatsächliche Beziehungsgeflecht wesentlich weniger plastisch erscheinen lässt, da einzelne Tiere durch ihre hohe Aggressivität hervorstechen und fälschlicherweise als dominant angesehen werden. Die korrekte Berechnung einer Rangordnung und der Hierarchie einer Gruppe berücksichtigt aber immer sowohl das dominante Verhalten als auch die vielen eher unscheinbaren freundschaftsbildenden Verhaltensweisen und vor allem auch die Ursachen für Aggressionen.

Gibt es wirklich Leithengste und Leitstuten?

 

Ausgehend von der schon erwähnten vereinfachten Modell der linearen Rangordnung wurde das Alphatier als Leithengst oder Leitstute bezeichnet. Daraus ergab sich nach Meinung vieler Pferdetrainer*innen die Vorgabe, dass der Mensch eben eine solche Führungsrolle übernehmen sollte. Neuere Forschungsergebnisse haben jedoch erwiesen, dass es nur in seltenen Fällen ein bestimmtes Tier dauerhaft die Führungsrolle übernimmt. Vielmehr haben die einzelnen Tiere unterschiedliche Tätigkeitsprofile. Während beispielsweise das eine eher für seine Fähigkeit als Kundschafter*in bekannt ist, übernimmt ein anderes beispielsweise in Bezug auf die Wahl der Ruheplätze eine entscheidende Rolle. Die Rollenverteilung ist also nicht absolut zu sehen, sondern eher kontextabhängig.

Saisonale Schwankungen

 

Darüber hinaus kommt es zu starken saisonalen Schwankungen der Positionen. Rossige Stuten verhalten sich etwa ebenso anders wie Stuten mit neugeborenen Fohlen oder Hengste gegenüber Geschlechtsgenoss*innen zur Paarungszeit. Gründe für die Unregelmäßigkeiten innerhalb der sozialen Struktur sind die geschlechtsspezifischen Rollen und hormonelle Schwankungen.

aus „Pferdsein reloaded“

Und nun einen stressfreies Miteinander euch allen, Marlitt

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Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

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AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt