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RPlus | Ursprünge der Calming Signals
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Kommunikationswerkzeuge unter Pferden

 

Pferde leben in der freien Natur in sozialen Herdenverbänden und sind auf eine funktionierende Gemeinschaft angewiesen. Damit die Kommunikation untereinander funktioniert und die Aggressionen innerhalb der Gruppe möglichst gering gehalten werden können, haben sich spezielle Kommunikationsstartegien entwickelt. Pferde zeigen anderen Pferden gegenüber Demutsgesten, wie arttypischen Calming Signals oder Beschwichtigungsgesten. Bei Wildpferden werden über die Calming Signals die sozialen Strukturen innerhalb der eigenen Herde oder auch gegenüber fremden Pferden kommuniziert. Fohlen lernen schon in der ersten Lebensphase die Bedeutung der subtilen Körpersprache und Mimik, sie verfeinern dann ihre Kommunikation aufgrund der Reaktionen der anderen Herdenmitglieder.

Was ist der Sinn hinter diesen Beschwichtigungssignalen?

 

Beschwichtigungssignale haben verschiedene Zwecke: Zum einen dienen sie dazu Konflikte zu vermeiden, indem das Calming Signals aussendende Pferd seinem Gegenüber seine Bereitschaft zur Kommunikation zeigt, um aggressive Auseinandersetzungen zu verhindern. Zum anderen sind Calming Signals einfach ein äußeres Anzeichen für einen inneren Zustand des aussendenden Tieres. Sie sind Anzeiger für Unwohlsein, Stress oder Irritation. Das Pferd versucht damit, seine innere Unausgeglichenheit zu verdeutlichen. Sie zeigen so die inneren Konflikte des Pferdes an. Dabei ist der Übergang von Calming Signals zu echten Demutsgesten und Übersprungshandlungen fließend. Je nach Kontext, individuellen Vorlieben des Pferdes und Gesamtausdruck kann es sich bei ein und derselben Geste um unterschiedliche Sinnzusammenhänge handeln. Eine einzelne Geste kann also nicht isoliert betrachtet werden, das Verhalten muss immer im gesamten Kontext erfasst werden.

Wie verändert sich die Anwendung dieser Signale im Laufe eines Pferdelebens?

 

Im Laufe eines Pferdelebens entwickeln Pferde unterschiedliche Vorlieben für einzelne Signale und deren Ausprägung. So wird etwa das eine Pferd relativ häufig das Lecken über die Lippen als Beschwichtigungssignal einsetzen, ein anderes vielleicht eher das Abwenden des Blicks. Dies hängt mit den unterschiedlichen Erfahrungen und dem Lernen zusammen. Je nachdem welches Verhalten sich in der Vergangenheit als besonders sinnvoll erwiesen hat, wird das Pferd dieses häufiger verwenden.

Setzen Fohlen die Signale anders ein?

 

Fohlen werden relativ häufig in innere Konflikte gestürzt, da sie die normale Kommunikation und die Herdengepflogenheiten erst kennenlernen müssen. Es wird relativ häufig beschwichtigen, auch weil die Natur dies als Selbstschutz vorgesehen hat. So wird man etwa das Leerkauen als Demutsgeste bei erwachsenen Pferden meist gar nicht mehr als Deeskalationsgeste beobachten können. Ganz allgemein werden die Beschwichtigungssignale meist im Verlaufe der Kindheit des Fohlens bis zum erwachsenen Pferd immer subtiler und damit auch schwerer für uns Menschen zu beobachten.

Gibt es einen Unterschied bei Stuten und Wallachen bzw. Hengsten?

 

Mir ist keine wissenschaftliche Studie über die Unterschiede der Beschwichtigungs-Signale von Hengsten und Stuten bekannt. Da jedoch das gesamte Ausdrucksverhalten des Pferdes emotional geprägt ist, wäre es möglich, dass sich durch die unterschiedlichen für die  Stärke der Gefühle verantwortlichen Hormone auch das Beschwichtigungsverhalten geschlechtsspezifisch darstellen kann. Ein erhöhter Testosteronspiegel – der auch bei manchen Stuten vorkommen kann – könnte zu vermehrter Aggressionsbereitschaft und damit zu einem Absinken der Beschwichtigungsbereitschaft führen. Wichtiger als diese prinzipiellen Unterschiede ist es aber sicher, sich der charakterlichen Unterschiede der einzelnen zu widmen.

Was sind die wichtigsten Calming Signals und wann finden sie Anwendung?

 

Die wichtigsten Beschwichtigungssignale sind das Leerkauen, das Lecken mit der Zunge über das Maul, das Gähnen, das Niedrighalten des Kopfes bei eventuell leicht eingeknickten Vorderbeinen, das leichte, seitliche Abknicken der Ohren und das Abwenden des Blickes und Kopfes. Bei all diesen Signalen handelt es sich um doppelt belegte Signale, die einzeln oder miteinander kombiniert vorkommen können. So wird etwa ein Pferd natürlich auch dann gähnen, wenn es müde ist, aber eben auch als Anzeichen für Stress zum Beispiel beim Auftrensen.

Gibt es auch beim Menschen bestimmte Verhaltensweisen, die eine Art Beschwichtigungssignal sind?

 

Auch beim Menschen gibt es eine ganze Reihe an Beschwichtigungssignalen. Die bekanntesten sind dabei das Abwenden des Blicks mit beschwichtigendem Niederschlagen der Lider. Das Anstarren wird auch unter Menschen bedrohlich empfunden, wir signalisieren mit dem „weichen“ Blick unsere friedlichen Absichten. Auch das Lächeln kann als Beschwichtigungssignal eingesetzt werden. Die meisten von uns lächeln nicht nur aus Freude heraus, sondern auch aus Unsicherheit, aus einer Anspannung heraus oder um sein Gegenüber für sich einzunehmen.

Welche Signale zeigen Pferde gegenüber Menschen?

 

Ein normal sozialisiertes Pferd zeigt sämtliche Gesten auch in Gegenwart des Menschen. Besonders häufig sind diese unter Stress zu beobachten, wie etwa das Lecken und Kauen bei Pferden, die unter Druck gesetzt wurden. Sie versuchen damit sowohl ihr menschliches Gegenüber zu beschwichtigen, als auch ein Ventil für ihre Anspannung zu finden.

Wie ist es zu deuten, wenn ein Pferd keine solchen Signale zeigt, sondern Konfrontationen sucht?

 

Es kann unterschiedliche Gründe haben, warum ein Pferd keine Calming Signals zeigt, sondern eine direkte Konfrontation sucht. Zum einen ist es individuell sehr unterschiedlich, wie lange und wie offensichtlich ein Pferd beschwichtigt, bevor es angreift. Irgendwann jedoch wird sich jedes Pferd so sehr emotional in die Enge gedrängt fühlen, dass es keinen anderen Ausweg als den Weg der Konfrontation sieht. Daneben ist es aber auch möglich, dass ein Pferd seine Beschwichtigungsgesten gegenüber dem Menschen quasi verlernt hat, wenn es oft genug die Erfahrung macht, dass wir Menschen darauf nicht angemessen reagieren. Ein Pferd wird dann eben ja keine andere Möglichkeit haben, als sein Anliegen deutlicher zum Ausdruck zu bringen und so in Zukunft eventuell nicht erst beschwichtigen, sondern gleich auf Konfrontationskurs gehen. Das ein Pferd überhaupt keine Beschwichtigungssignale zeigt ist relativ selten,viel eher übersieht der Mensch häufig diese subtilen körpersprachlichen Merkmale. Gerade bei extrem introvertierteren Pferden sind diese Calming Signals zumeist nur angedeutet oder sehr schwach ausgeprägt.

Wie sollten wir Menschen auf Calming Signals reagieren?

 

Zunächst einmal sollten wir sie bewusst wahrnehmen und uns vergegenwärtigen, dass sich das Pferd in einem Dialog mit uns befindet, es versucht uns etwas mitzuteilen, weil es sich entweder von uns bedroht, von der Situation überfordert oder aus anderen Gründen unwohl fühlt. Die angemessene Reaktion darauf besteht darin, die betreffende Situation behutsam zu deeskalieren, also selbst rücksichtsvoller zu werden, den Druck herauszunehmen und langfristig die Ursachen für wiederkehrende Überforderungen zu beseitigen. Die Verwendung von Beschwichtigungssignalen ist eine normale Kommunikationsform des Pferdes, sie gibt uns Hinweise auf die Gefühlslage des Tieres und hilft uns, Situationen frühzeitig einschätzen zu können, bevor es zu echten Konflikten, Fluchtverhalten oder Aggressionen kommt.

Gibt es auch Signale, die wir vom Pferderücken aus wahrnehmen könnten?

 

Gerade das Lecken und Kauen und die Stellung der Ohren können wir auch vom Sattel aus beobachten. Einher mit diesen deutlichen körpersprachlichen Signalen geht auch eine Veränderung der Muskelspannung und der Atmung, auf die wir auch beim Reiten achten können.

aus „Pferdsein reloaded“

Alles Liebe, Marlitt

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Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt