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RPlus | Wie Pferde Stress verarbeiten
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Stressbewältigung verstehen

 

In unseren unruhigen Zeiten wird nicht nur für uns Menschen das Thema Stressbewältigung immer wichtiger. Auch in Bezug auf unsere Pferde stellt sich die Frage wie viel Stress vertretbar ist und an welcher Stelle eventuell einzelne Stressfelder vermieden werden können. Die Frage nach der Stresstoleranz ist nicht pauschal und universell auf alle Pferde bezogen gleichermaßen leicht zu beantworten, da Stress und seine möglichen Folgen ein vielschichtiges Thema ist. Was für das eine eventuell nur eine geringe mentale Anregung ist, kann für das andere bereits eine totale Überforderung darstellen. Manche Pferde gewöhnen sich leicht an diverse unterschiedliche Situationen und können einfach lernen sich auf dem Turnier oder im Pferdeanhänger zu entspannen, während für andere schon der Wechsel des*der Hufschmied*in oder ein ungewohnter Reitweg im Gelände zur Herausforderung wird.

Stress erkennen lernen

 

Die gute Nachricht ist: Pferde können lernen stressige Situationen zu bewältigen. Und das gelingt immer dann am besten, wenn wir Pferdemenschen verstehen, wie die Stressverarbeitung bei Pferden grundsätzlich funktioniert, was für verschiedene Pferde-Persönlichkeiten mit welchen unterschiedlichen Stressbewältigungsstrategien reagieren und wie wir Stress frühzeitig erkennen, um zu vermeiden, dass ein chronisches Stressproblem entsteht.

Was passiert bei Stress im Pferdekörper?

 

Ein Pferdeleben ganz ohne Stress wäre undenkbar. Denn Stress an und für sich ist nichts Gefährliches oder etwas was es grundsätzlich zu vermeiden gilt, sondern ein ganz natürlicher Bestandteil des Lebens. Egal ob kurzzeitig ein lautes Geräusch das Pferd erschrickt, der Ausritt im Straßenverkehr bewältigt werden muss oder ein Stallwechsel ansteht, ein gewisses Maß an Stress wird immer wieder entstehen und ist auch in der Natur so vorgesehen. Sowohl Pferde als auch Menschen haben einen körpereigenen Mechanismus, der sie dazu befähigt auf Umwelteinflüsse jeglicher Art zu reagieren und über spezifische physische und psychische Mechanismen ihre eigene körperliche und mentale Stabilität wiederzuerlangen. Immer wieder kommt es also dazu, dass das biologische Stress-System angesprochen wird. Immer dann wenn Außenreize das Pferd gewissermaßen in Alarmbereitschaft versetzen wird dieses System aktiviert. Das Pferdegehirn sendet dabei unterschiedliche spezifische Stresshormone aus, die die Handlungsbereitschaft des Körpers verstärken. Dadurch erhöht sich beispielsweise der Blutdruck und der Puls, das Pferd wird aufmerksam und der Körper bereitet sich auf eine mögliche Flucht oder einen Kampf vor.

Mobilisation der Kraftreserven

 

Vereinfach gesagt ist diese Stressreaktion eine Mobilisation der Kraftreserven des Körpers. Die Durchblutung wird gesteigert, die Muskulatur spannt sich an und alle Sinne werden auf Alarmbereitschaft geschaltet. Die Stressreaktion endet normalerweise mit einer Bewältigung, immer dann, wenn der Stress nachlässt, das Pferd kommt dann wieder zur Ruhe. Ist der Stresspegel allerdings zu hoch und findet das Pferd keinen Weg mit der Situation zurecht zu kommen, so kann aus der akuten Stressreaktion ein chronisches Stressgeschehen werden. Chronischer Stress beruht vor allem auf den über einen längeren Zeitraum andauernden starken Einflusses des Stresshormons Cortisol, welches in hoher Konzentration nicht so leicht vom Körper abgebaut werden kann, sondern nach und nach immer mehr Schäden im gesamten System verursachen und befeuern kann.

Chronischer Stress

 

Während kurzfristige Stress-Erlebnisse gut vom Pferd verarbeitet werden können und es dabei schnell zu seinem seelischen Gleichgewicht zurückkehrt, ist es gefährlich, wenn das Pferd permanent unterschiedlichen Stressoren ausgesetzt ist. Chronischer Stress führt zu sehr vielen unterschiedlichen Krankheitsbildern, wie Verdauungsproblemen, erhöhter Infektanfälligkeit, Verhaltensproblemen oder Depressionen. Immer wenn ein Pferd chronische gesundheitliche Probleme hat, die sich nicht so einfach in den Griff bekommen lassen, würde ich persönlich auf die Suche nach chronischem Stress im Pferdeleben gehen. Dabei kann sowohl Überforderung im Training, Unstimmigkeiten in der Herde, ungünstige Haltungsbedingungen oder Fütterungsmanagement und vieles anderes zu chronischem Stress führen.

Wie erkennt man Stress beim Pferd?

 

Da Stress eine Belastungsreaktion ist, erkennt man Stress immer an einer Erhöhung der emotionalen und körperlichen Spannung. Im ersten Moment wird das Pferd eventuell nur seine Atmung intensivieren und der Blutdruck wird sich steigern. Es wird seinen Kopf etwas anheben oder den Schweif leicht aufstellen. Später dann, wenn der Stresspegel steigt sieht man stärkere stressbedingte Reaktionen wie Schwitzen, häufiges Äppeln oder Kopfaufwerfen. Dazu kommt die typische angespannte Stressmimik mit fester Kau-, Lippen- und Nüsternmuskulatur.

Aktiver Stresstyp

 

Wie stark ausgeprägt diese Anzeichen für Stress vom jeweiligen Pferd gezeigt werden ist vor allem auch von seiner Persönlichkeit und seinen individuellen Art der Stressbewältigung. Wissenschaftlich nennt man die unterschiedlichen Bewältigungsstrategien Coping-Strategien. Es gibt vereinfacht gesagt sowohl aktive als auch passive Stresstypen unter Pferden. Aktive Stresstypen, zu denen etwa viele Vollblüter und hochblütige Warmblüter gehören, reagieren unter Stress geschäftig und zeigen ihren Stress lebhaft nach außen. Sie scharren wenn sie gestresst sind möglicherweise mit dem Huf, tänzeln, Steigen oder wiehern verstärkt. Ein typischer aktiver oder extrovertierter Stresstyp ist der klassische Vollblutaraber, der mit hochgestellten Kopf und als Fahne getragenem Schweif um seinen Menschen herumtänzelt.

Passiver Stresstyp

 

Der passive oder introvertierte Stresstyp hingegen bewegt sich unter Stress immer zeitlupenartiger. Er zieht sich quasi in sein mentales Schneckenhaus zurück und erscheint nach außen zunächst relativ ruhig. Daher wird dieser Stresstyp so häufig auch von erfahrenen Pferdemenschen gar nicht als gestresst erkannt. Diese Pferde erscheinen auch unter größeren emotionalen Belastungen zunächst brav und gelassen, können dann aber ganz plötzlich extrem explodieren. Sie empfinden innerlich nicht weniger Stress als die aktiven Stresstypen, sie zeigen ihn nur weniger deutlich nach außen. Den passiven Stresstyp findet man prozentual am häufigsten unter Kaltblütern und ursprünglichen Ponyrassen.

Zuchtziel und Charakter

 

Je nach Zuchtziel werden unterschiedliche und teilweise leider auch ungünstige genetische Dispositionen mitvererbt. Eine solche Veranlagung für eine hohe Reaktivität beispielsweise ist für den Sport eine erwünschte Eigenschaft. Sie macht das Pferd sensibel auf Außenreize und bewegungsfreudig. Genau diese Reaktivität kann allerdings in einer nicht sehr gut durchdachten Haltungsform leicht zu chronischem Stress und in der Folge zu Verhaltensstörungen führen. Es ist beispielsweise wissenschaftlich erwiesen, dass Koppen und Weben bei bestimmten Blutlinien unter Vollblütern häufiger vorklommen als bei anderen.

Wie stressresistent sind Pferde?

 

Wie viel Stress ein Pferd verträgt ist leider extrem unterschiedlich. Es hängt von sehr vielen verschiedenen Faktoren ab. Einmal allgemein von seiner Konstitution und sowohl körperlichen als auch psychischen Verfassung, von Haltungs- und Fütterungsbedingungen, Zufriedenheit, Alter, Rasse, Geschlecht und eben seiner genetischer Disposition abhängig. Gerade Faktoren wie Schlafmangel, zu wenig Rauhfutter, unbefriedigtes Bewegungsbedürfnis oder Stress in der Gruppe werden oft lange übersehen, weil die Folgen nicht immer direkt sichtbar sind. Dazu sehe ich das Problem, dass die Haltung eines Pferdes immer teurer wird und aus finanziellen Gründen oft mehr Pferde in eine Herde aufgenommen werden, als es bei dem Haltungskonzept angezeigt wäre. Die damit verbundene Enge, der Futterneid und Kennenlernstress vergrößert sich. Auch eine technisierte Haltung hat ihre Licht- und Schattenseiten. Immer wieder gibt es Tiere, die mit automatisierten Vorgängen, dem Raumangebot innerhalb von Futterstationen oder den Geräuschen der Geräte nicht zurechtkommen und so Stress erleben.

Die Folgen von Schlafmangel

 

Gerade auch der Punkt des Schlafmangels kann entscheidend für das Wohlbefinden des Pferdes sein. Während die meisten Vertreter*innen der Robustrassen relativ unkomplizierte Liegebedürfnisse haben, kann es sein, dass hochblütigere Pferde sich auf zu nassem oder zu hartem Boden oder zu geringem Raumangebot wenig oder überhaupt nicht hinlegen und dadurch zu wenig ausruhen und schlafen. Die Folge ist chronischer Stress, der wiederum zu einem veränderten Schlafverhalten führt: Da sie permanent unter einer erhöhten Spannung und Aufmerksamkeit stehen, legen sie sich seltener hin. Sie schrecken auch leichter aus dem Schlaf auf und schlafen weniger tief und erholsam.

Wie reduziere ich Stress?

 

Kurzfristig kann ich versuchen Druck aus einer Situation herauszunehmen, positive Erlebnisse zu vermehren und auf Ursachenforschung gehen. Langfristig ist es wichtig einen Stress-Reduktionsplan aufzustellen, der sämtliche Lebensbereiche umfasst. Je weniger negativer Stress insgesamt, desto besser. Dabei kann man sich an der Natur des Pferdes orientieren. Je näher die Haltung, Fütterung, Anforderungen an der Natur des Pferdes liegen, desto weniger stressbedingte Probleme wird es geben. Je weiter man sich bei der Nutzung, Haltung und Fütterung von der Natur des Pferdes entfernt, desto wahrscheinlicher werden stressbedingte Probleme.

Erwartungshaltung des Menschen

 

Dabei ist auch das planvolle Gewöhnen an die unterschiedlichsten Reize wichtig. Langsam und stetig, mit positiven Erfahrungen und Belohnungen verknüpft kann sich das Pferd an viele Reize gewöhnen. Dabei ergibt sich bei den meisten Pferden ein gesundes Mittelmaß zwischen „in Watte packen“ und von der Außenwelt abschirmen und Überforderung durch zu viele einprasselnde Reize. Was Pferde unterschwellig stresst ist oft eine Erwartungshaltung des Menschen. Pferde sind sehr sensibel ihr Gegenüber zu lesen. Sie bemerken, wenn der Mensch selbst unter Stress steht und diesen Stress mit in den Kontakt zum Pferd bringt. Auch eine überspielte Unsicherheit kann zu Stress beim Pferd führen.

Pferde sind empfindsame Wesen

 

Pferde reagieren äußerst sensibel auf feinste Veränderungen der emotionalen Grundstimmung und nehmen über ihre besonders leistungsfähigen Sinnesorgane auch kleinste Abweichungen von ihrem gewohnten Lebensumfeld sofort wahr. In unserer heutigen Lebensrealität wirken auf die Pferde permanent Stressoren ein, auf die sie von Natur aus so nicht vorbereitet sind. In der Natur würden Pferde ihren Aufenthaltsort und ihre Herdenzugehörigkeit selbst mitbestimmen können- Sie haben keine angeborenen Stressbewältigungsstrategien für ein Miteinander mit vielen anderen ihnen zunächst unbekannten Pferden auf engstem Raum. Es entspricht nicht der Natur des Pferdes ständig aus dem einen Herdenverband herausgerissen zu werden und dann in eine andere Gruppe integriert zu werden. Jeder Stallwechsel besitzt ein enormes Stresspotenzial für alle beteiligten. Das aus seiner bisherigen Umgebung entnommene Pferd erlebt Stress in der neuen Umgebung und ist gezwungen sich neu zurechtzufinden und neue Verbindungen zu knüpfen, die Zurückgebliebenen trauern um ihr verlorenes Herdenmitglied und die neue Gruppe sieht im Neuankömmling eventuell einen potentiellen Eindringling der das soziale Gefüge auf den Kopf stellt.

Entscheidungen überdenken

 

Sicher lässt sich nicht jeder Umzug vermeiden, aber bei der Entscheidung ob überhaupt eine Notwendigkeit zum Stallwechsel besteht, sollte man Sorgfalt walten lassen. Pferdefreundschaften werden in der Natur sehr stabil angelegt und oft über Jahrzehnte gepflegt. Futter steht dem Pferd in freier Wildbahn entweder sowieso zur Verfügung oder es kann sich frei bewegen und sich auf die Suche nach geeigneten Futterstellen begeben. In menschlicher Obhut führt die räumliche Enge und ein begrenztes Futterangebot oft zu sozialen Spannungen, welche besonders empfindliche Pferde nicht kompensieren können. Viele Pferde sind daneben auch von den Anforderungen ihrer Menschen überfordert oder von der gewählten Ausbildungsmethode frustriert.

Die Bedürfnisse des Pferdes wahrnehmen

 

Um mögliche Problemfelder frühzeitig zu identifizieren und Stress weitgehend zu vermeiden helfen ausführliche Fragekataloge mit Fragen wie diesen: Passt vielleicht ein bestimmtes Pferd von seinen Bedürfnissen oder durch sein Verhalten nicht in die bestehende Gruppe? Ist der Liegebereich ausreichend groß für alle Pferde? Gibt es Pferde die den Zugang zum Rauhfutter zu stark kontrollieren und andere nicht zur Ruhe kommen lassen? Je mehr wir versuchen uns in den Lebensraum unseres Pferdes und seinen Alltag einzufühlen, desto stressfreier und harmonischer können wir sein Leben gestalten. Dabei gilt, dass sich ein möglichst stressarmes, glückliches Pferdeleben immer an den individuellen Bedürfnissen orientiert. Und diese Bedürfnisse können sich naturgemäß auch im Verlauf eines Pferdelebens ändern. Daher ist es von großer Bedeutung sich immer wieder die Fragen nach der Zufriedenheit des eigenen Pferdes zu stellen.

Passt auf eure Lieblinge auf! Herzlich, Marlitt

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Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt