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RPlus | Die Atempause
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Zeit zum Durchatmen

 

Atmen ist leben. In letzter Zeit mache ich es mir immer wieder bewusst, wie wichtig das Lebenselixier Luft für uns und unsere Pferde ist. Wie es sich anfühlt, ganz bei sich zu sein und in Ruhe zu atmen. Tief zu atmen und dabei die frische Luft und die Ausdehnung der Lungenflügel im Brustkorb wirklich zu spüren. Dabei stelle ich mir meine Lungenflügel wie die flauschigen Schwingen eines Rauschengels vor, die sich majestätisch ausbreiten und sich dann beim Ausatmen wieder geschmeidig anlegen. Das Einatmen und Ausatmen ist vielleicht der ursprünglichste Mechanismus unseres Körpers, den wir sprichwörtlich im Schlaf bewältigen und der einfach auf Autopilot funktioniert, aber ebenso besitzen wir die Fähigkeit auch bewusst zu atmen und damit sowohl unser Wohlbefinden zu steuern als auch eine Botschaft an unser Gegenüber zu senden.

Quelle Grafik „Wings“ designed by macrovector/Freepik

Sensible Kreaturen

 

Pferde sind extrem sensibel darauf anhand der Atemfrequenz, der Atemgeräusche oder dem Grad des Bewusstseins beim Atmen auf die Befindlichkeit des Gegenübers zu schließen. Sie spüren durch jeden Atemzug wie es dem anderen geht. Darüber hinaus stärken sie Beziehungen über das gemeinsame Atmen, sie gleichen dabei ihre Atemfrequenz an die des befreundeten Individuums an.

Die bewusste Pause

 

Eine bewusste Atempause, also eine Pause zum gemeinsam atmen, bietet mir die Gelegenheit, die Verbindung zu meinem Gegenüber Pferd zu erspüren, zu vertiefen und mir daraufhin darüber bewusst zu werden, was überhaupt die nächsten Schritte im Training sein können. Was sagt mir dieser eine Moment des Atmens? Spüre ich eine Unruhe in einer vielleicht oberflächlichen Atmung? Spüre ich die Hitze der Luft im Sommer und dadurch eventuell eine gewisse Trägheit? Dabei ist es mir sehr wichtig ganz bewusst durchzuatmen und mich selbst zu fragen wie dabei die eigenen Körperempfindungen aussehen. Einatmen und ausatmen. Einatmen und ausatmen. Einatmen und ausatmen – eine schier endlose Abfolge aneinander gekoppelter Mechanismen. Gibt es irgendwo im Körper schmerzende Regionen? Was fühlt sich angenehm an?

Auf Adlerschwingen zu wahrer Verbindung

 

Es geht mir dabei nicht um eine Bewertung der Situation sondern wirklich um die Wahrnehmung des Moments. Dabei dehne ich die Atmung bewusst tief in den Bauchraum aus und horche in die innere Stille hinein, eventuell auch auf auftauchende Gedanken oder Erinnerungen. Ausgehend von der eigenen Empfindung der Ruhe und des Wohlbefindens erweitere ich langsam jeden bewussten Atemzug und breite gewissermaßen bildlich gesprochen meine Lungenflügel wie riesige Adlerschwingen aus. Nach und nach dehne ich meine Aufmerksamkeit und mein Gefühl dann auf die Atmung und Energie des Pferdes aus.

Gefühlte Ewigkeit

 

Egal wie kurz eine solche Atempause auch ist, ob nur drei Atemzüge oder sogar einige Minuten, sie hilft dabei, einen ganz entscheidend wichtigen Schritt im Training bewusst zu vollziehen: Den geschmeidigen Übergang vom Handlungsmodus des tatsächlichen Trainings in den Geisteszustand des Seins. In diesem bewussten Erleben fühle ich mich besonders gut dazu in der Lage Entscheidungen zu treffen. Kann die vorher erlebte Situation gewissermaßen von einer übergeordneten Position aus sehen und bin besser in der Lage meine vielleicht schon verschollen geglaubten Erfahrungen und Empfindung intuitiv miteinander verschmelzen zu lassen.

Vom Tun ins Sein

 

Eine Atempause ermöglicht mir mich außerdem meiner Wahrnehmung der vielen Sinneseindrücke bewusst zu werden. Die meisten Menschen sind in einer eng definierten Trainingssituation auf nur einen ihrer Sinne fixiert und agieren fast automatisch. Sie halten starr an Regeln fest und werden so quasi mechanisch von ihren mentalen Scheuklappen eingeschränkt. Das möchte ich für mein Beisammensein mit den Pferden verhindern.

Jedes Atemgespräch, das unsere Seele berührt, lässt uns an Tiefe gewinnen, es hinterlässt eine Spur, die nie verweht. Karin Bukatz

Empfänglich werden für das Ganze

 

Denn erst wenn ich meinen Geist bewusst erweitern kann, kann ich Ebenen wahrnehmen die ich vorher ausgeblendet habe. Vielleicht weil ich sie für nicht so wichtig hielt wie andere, vielleicht weil sie nicht meinem inneren Anspruch an mich selbst genügten oder auch aus vielen anderen Gründen. Ich wechsle so gewissermaßen immer dann die Betrachtungsperspektive wenn ich beispielsweise von einer Aufgabe zur nächsten übergehe, wenn ich Missstimmungen spüre, leisen Zwischentönen Gehör schenken oder problematische Gefühle analysieren möchte.

Wie sieht das nun in der Praxis aus?

 

Das klingt alles so abgehoben, ist aber in einer ersten Annäherung ganz einfach zu beschreiben. Die Abrufbarkeit in allen möglichen Situationen kam bei mir mit der Zeit von ganz allein.

Schritt #1

Der Mensch

 

Ich beginne mit meiner Zeit zum Durchatmen erst einmal in einem geschützten kleinen, überschaubaren Raum. Also etwa ein kleiner abgesteckter Teil des Reitplatzes. Einfach ein Raum indem zunächst wenige Außenreize vorhanden sind, keine anderen Pferde oder Menschen unsere Ruhe stören können und auch kein Futter als Attraktion dient. Nun versuche ich mich auf mich selbst zu fokussieren, meine eigene Atmung zu erleben und meine Gedanken zur Ruhe zu bringen. Erst dann nehme ich Kontakt zum Pferd auf.

Schritt #2

Pegasus spüren

 

Dabei mache ich mir keine Gedanken, was das Pferd tun sollte, wie es stehen sollte oder ob es mir zuhört oder ähnliches. Ich vertraue einfach darauf, dass ich diejenige bin, die sich öffnen muss um Zugang zu finden. Ist mir das Pferd vertraut genug, so kann ich es sanft mit der Hand berühren. In der Sattellage, am Rücken kann man das Atmen des Pferdes direkt spüren. Lege ich die Hand einfach dorthin, so kann ich die mächtigen Schwingen des Pegasus spüren, die enorme Pferdelunge, die sich ausdehnt und wieder zusammenzieht. In meiner Vorstellung schaue ich innerlich erst einmal zu, wie der Pegasus sich erhebt, wie er dahin schwebt und immer weiter aufschwingt.

Schritt #3

Den Atem fließen lassen

 

Und dann nutze ich meine Hand und meinen Arm als Verbindung zweier Individuen. Ich stelle mir vor als würde ich in meinen Arm hinein atmen, als würde die Luft über meine Lungenflügel hinaus durch diese Bahn fließen und die Schwingen des Pegasus erreichen. Umgekehrt spüre ich die Atemenergie des Pferdes auf diese Weise direkt und körperlich zu mir zurückfließen.

Gemeinsam auf der Brise segeln

 

Etwas was uns oft ziemlich langweilig erscheint hat in der Welt der Pferde eine sehr große Bedeutung. Das gemeinsame scheinbar inaktive Herumstehen und Atmen, quasi das Dolce far niente, das süße Nichtstun der Pferdewelt. Pferde stehen nebeneinander, spüren sich gegenseitig und vergewissern sich so auch dem sozialen Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Sie verbringen viel Zeit damit und fühlen sich in diesem gelebten Miteinander offensichtlich sehr wohl.

Bewusst atmen

 

Viele von uns müssen diese Inaktivität erst einmal lernen. Das Nichtstun, das Nichtswollen und das zur inneren Ruhe kommen. Manchmal hilft es dabei sich bewusst zu machen, wie ruhiges Atmen eigentlich aussieht und sich anfühlt. Normal sind acht bis sechzehn Atemzüge pro Minute bei einem ruhigen entspannten Pferd. Die durchschnittliche normale Atemfrequenz des erwachsenen Menschen liegt bei zwölf bis achtzehn Atemzügen pro Minute. Gerade wenn ich merke, dass ich eine innere Unruhe verspüre oder ungeduldig zu werden drohe, hilft es mir sehr mindestens eine oder zwei Minuten bewusst durchzuatmen. Denn das ruhige Atmen hat viele positive Auswirkungen auf den eigenen Organismus ebenso wie auf den des Pferdes.

Atem ist eine verbindende Kraft. Sie schafft im Leiblichen Ausgleich und Gleichgewicht und hilft uns, die Eindrücke von innen und außen wandelbar zu machen. Sie verbindet den Menschen mit der Außenwelt und das Außen mit seiner Innenwelt. Atem ist Urbewegung und damit unmittelbares Leben. Ilse Middendorf

Die Auswirkungen einer ruhigen Atmung

 

Die beruhigende Wirkung setzt sehr schnell ein, die Herzfrequenz passt sich an, der Muskeltonus wird weicher und ein angenehmes Gefühl breitet sich aus. Es bestehen viele direkte und indirekte Wechselwirkungen von Atmung und dem gesamten Stoffwechsel. Der Grad der Sauerstoffversorgung beeinflusst beispielsweise die Blutzirkulation und damit die Aktivität des Herzens. Der innere Fokus auf die eigene Atmung hat zudem Einfluss auf das zentrale Nervensystem und bewirkt eine erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit und innere Ruhe.

Energie erleben

 

Für mich ist gerade dieses Erleben auf der körperlichen Ebene ein ganz wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Viele Dinge kann man sich tausendmal erklären lassen oder versuchen sie sich im Geiste vorzustellen. Erlebt man sie jedoch ein einziges Mal wirklich körperlich, dann wird man im Herzen verstehen, wie sich eine Verbindung zum Pferd anfühlen kann. Die Atmung synchronisiert sich mit unserem Partner, es entsteht ein Gefühl der Ruhe und des inneren Friedens, eben eine fast magische unsichtbare Verbindung. Diese trage ich in meinem Herzen mit mir und kann sie mir von nun an vor meinem inneren Auge abrufen. Anfangs stelle ich mir vielleicht noch meinen Arm und meine Hand auf dem Pferderücken vor und die Kraft des Atems, immer mehr visualisiere ich sie mir einfach wie eine Verbindung aus Luft, eine sanfte Brise die wie der Atem von einem zum anderen fließen kann. In diesem Stadium möchte ich mit jedem meiner Pferde sein, denn ich kann die Atmung nun als Verbindungselement nutzen, die Stimmung des Moments nicht nur zu empfangen, sondern auch um Ruhe oder Gelassenheit auszusenden. Und aus der Ruhe heraus die Energie für spielerische Action zu entwickeln. Vielleicht probiert Ihr es ja einmal aus? Oder Ihr schreibt uns über Eure bisherigen Erfahrungen mit einer Atempause.

Take it easy, Marlitt

Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

AUTHOR: Conny & Marlitt