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RPlus | Die Reise zu den Wildpferden
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Der Anfang einer Passion

 

August 2015. Dieser Zeitpunkt markiert, ohne dass es mir damals wirklich bewusst war, einen Wendepunkt in meinem (Conny’s) Leben. Es ist das erste Mal, dass ich freilebende Wildpferde vor einer grandiosen Kulisse beobachten darf. Seitdem hat mich die Faszination „Wildpferde“ nicht mehr losgelassen und prägt meine Reiselust quer durch Europa bis heute. Unzählige großartige Momente pflastern meinen Weg auf der Suche nach diesen wilden Seelen und genau davon möchte ich Euch erzählen. Aber erst mal der Reihe nach…

Aufbruch in ein Abenteuer

 

Ich kehre mit mit dem 30 Jahre alten Camperbus „Fuchur“ Österreich für unbestimmte Zeit den Rücken. Einmal quer durch Europa ohne all die Annehmlichkeiten, die das Leben bisher geprägt haben. Monatelang werde ich ohne Strom oder Warmwasser unterwegs sein, das pure Leben in all seinen Facetten auskosten, umgeben sein von atemberaubenden Landschaften und herrlicher Natur. Kein Navigationsgerät wird mir den Weg weisen. Ich vertraue ausschließlich auf meine Intuition und meinen Instinkt und werde Recht behalten. Ein Abenteuer beginnt, welches mir offenbaren wird, wie wenig doch ausreicht, um glücklich zu sein.

Auf einer Hochebene in Bosnien Herzegowina

 

…Fuchur knattert die gewundenen Serpentinen eine Anhöhe hinauf. Da! Ich sehe ein Warnschild mit dem Hinweis, dass hier Pferde meinen Weg kreuzen könnten. Es ist schon viele Wochen her, seitdem ich im Internet über die Information gestolpert bin, dass man in Bosnien Herzegowina noch Wildpferde erleben kann. Aber mehr als einen vagen Anhaltspunkt habe ich damals nicht rausbekommen können. Und so gründet sich meine Reiseroute auf ein kleines Kreuzchen in der Landkarte. Vor mir zeichnet sich mein vorläufiges Ziel ab: die Hochebene von Krug. Die Spannung ist spürbar, als Fuchur die letzte Steigung in Angriff nimmt. Da geben die Hügel endlich den Blick frei. Langsam lasse ich ihn über die einzigartige Landschaft schweifen. Ein gewaltiges Panorama umfängt mich von allen Seiten. Überwältigend.

 

Aber jetzt, wo ich hier stehe, schrumpft die Hoffnung, in diesem riesigen Gebiet auch nur annähernd mehr von den Pferden zu erhaschen als ein paar Punkte am Horizont. Ich biege in einen kleinen, löchrigen Feldweg ein. Über eine Schotterpiste rumpelt Fuchur der untergehenden Sonne entgegen und ich beschließe schließlich, hier, im Schatten des Cincar, die Nacht zu verbringen.

Da sind sie!

 

Am Morgen kitzelt die Sonne mich schon früh wach. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen, da höre ich etwas von draußen. Nichtsahnend ziehe ich die Vorhänge auf und trau meinen Augen nicht: Sie sind da! Sie sind da!! Es ist tatsächlich eingetreten, was ich mir gar nicht zu wünschen gehofft hatte. Nicht ich habe die Wildpferde gefunden, nein, sie haben mich gefunden! Mir schlägt das Herz bis zum Hals, als ich die Anzahl der Mitglieder dieser Gruppe, die sich da um mein Reisemobil gescharrt hat, versuche zu zählen. Mehr als 20 Pferde kann ich auf den ersten Blick erkennen. Während ich eilig versuche meine Kamera zu aktivieren, um diesen Moment festzuhalten, nehmen die Tiere Notiz vom Geschehen im Inneren des Busses und lugen neugierig durch die Scheiben.

Wilde Seelen

 

Vorsichtig öffne ich die Schiebetür und trete in den herrlichen Morgen hinaus. Die Sorge, dass die Tiere bei meinem Anblick gleich das Weite suchen könnten, stellt sich als unbegründet heraus. Offenbar kennen sie die Menschen gut, denn sie lassen sich von meiner Anwesenheit nicht beirren und folgen genüsslich ihren Morgenritualen. Aber ich stelle schnell fest, dass die Gruppe stets darauf bedacht ist, eine genügend große Lücke zwischen mir und ihr aufrecht zu erhalten. Sobald ich diese Distanz unterschreite, bemerke ich, wie der dienstälteste Hengst mich fokussiert und seinen Anhang zum Weitergehen anhält. So streife ich gemeinsam mit den Tieren umher, folge ihnen in respektvoller Entfernung, ohne sie zu bedrängen, und nutze diese wundervolle Gelegenheit, um alles aufzusaugen, was sich um mich herum abspielt.

Alles, was zählt, ist der Augenblick

 

Völlig in die Situation versunken sehe ich unterschiedlich alte Fohlen miteinander spielen, Mutterstuten vor sich hin dösen und Teenager, die sich bereits in der gegenseitigen Fellpflege üben. Allmählich stellt sich heraus, dass die Gruppe in Wahrheit aus zwei kleinen Familienverbänden besteht. In fröhlicher Nachbarschaft ohne jeglichen Konflikt um Recourcen weiden sie hier miteinander. Stunden vergehen so. Erst als der Hunger an mir nagt, mache ich mich wieder auf den Weg zurück zur Basis, wo ich mir ein Frühstück einverleibe. Von meinem Campingstuhl aus verfolge ich das Treiben weiter.

Glückseligkeit

 

Die Tiere ziehen weiter – wahrscheinlich zur nächsten Wasserstelle. Ich fühle eine ungeheure Glückseligkeit in mir, meine Erwartungen sind um Welten übertroffen worden. Wer hätte gedacht, dass ich heute inmitten von Wildpferden aufwachen werde, nachdem mein einziger Hinweis auf deren Aufenthalt bis vor wenigen Stunden in einem kleinen Kreuzchen bestanden hat.

Wiedersehen

 

Schon am Nachmittag treffen wir uns wieder. Voller Vorfreude erblicke ich sie am Horizont, wie sie langsam fressend über die grasbewachsenen, mit Felsbrocken durchzogenen Landstriche wandern. Ich lege mein Buch auf die Seite und hole meine Ausrüstung aus Fuchurs Bauch. Es ist, als würde ich so richtig auf den Putz hau’n – heute wird fotografiert, was das Zeug hält. Seit Wochen bin ich nun schon ohne Strom unterwegs und ich teile mir die Akkuleistungen meiner Kamera gut ein. Nur mit Bedacht nehme ich sie zur Hand, wenn es besondere Augenblicke auf dieser Reise einzufangen gilt.

Alles wird zum Geschenk

 

Jetzt, da nichts selbstverständlich ist, sondern alles zum Geschenk wird, habe ich es mir zum Credo gemacht, jeden Augenblick mit allem was ist, bewusst wahrnehmen zu wollen. Ein Foto ersetzt niemals dieses Erleben, das sich in uns regt, wenn wir tatsächlich in die Welt hineinsehen. So ist es meiner Auffassung nach nur möglich, bestimmte Ausschnitte aus dem Sichtfeld des Lebens festzuhalten. Ohne Zweifel können sich diese Momente berührend, ja sogar überwältigend auf Bildern darstellen, aber niemals kann ein Foto dieses Allumfassende wiedergeben, das wir erleben dürfen, wenn wir die Kamera weglegen. Ganz nach der Devise: Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für den Sucher unsichtbar.

Naturschauspiele

 

Die Herde ist inzwischen ganz nah. Langsam nähere ich mich ihr, erkenne, dass es sich um dieselbe handelt, wie in der Früh. Völlig unerwartet werde ich Zeuge eines großartigen Schauspiels und atemberaubende Szenen spielen sich vor meinen Augen ab. Mit imposantem Gehabe stampfen zwei ausgewachsene Hengste der Gruppe mit ihren Beinen auf den Boden auf, umkreisen sich angriffslustig und schnauben dem Gegner ins Gesicht. Der Boden bebt förmlich, als die muskulösen Rösser sich im spielerischen Kampf aufeinanderwerfen. Angestrengtes Stöhnen und Ächzen zerreißt die Stille, ehe sie wieder voneinander ablassen, um zur Tagesordnung zurückzukehren. Schon im nächsten Augenblick grasen sie wieder friedlich nebeneinander, so, als sei nichts gewesen.

Harmonie

 

Ich bin fasziniert, wie harmonisch doch das Miteinander innerhalb dieser beiden Pferdefamilien ist. Fohlen dösen vor sich hin, Halbwüchsige toben über die Wiesen, ausgewachsene Hengste erproben ihre Kräfte untereinander, Stuten sorgen für ihren Nachwuchs. Die Tiere sind wohl genährt und streifen auf der Suche nach Nahrung und Wasser auf der Hochebene umher. Stets übernimmt ein erfahrenes Pferd die Führung innerhalb der Gruppe, wenn es darum geht, ein paar Jungspunde wieder zum Kern der Gruppe zurückzubringen. Kein Kampf um Resourcen bedrückt die Stimmung, lebendiger Frieden schwebt über diesem Stück Land. So zumindest empfinde ich es.

Durch’s Reden kommen die Leut‘ z’samm

 

Schon einige Tage begleiten mich die Wildpferde auf der Hochebene von Krug. Ein altes Ehepaar, das täglich am Bus vorbeispaziert und sich mit mir unterhält, erklärt, wo ich in dieser Gegend Wasser zum Geschirrspülen und für eine Eimerdusche finde.

Alltag einer Reisenden

 

Ich packe das schmutzige Geschirr in einen Rucksack und noch ein Badetuch obendrauf und marschiere zu besagtem Brunnen. Dabei komme ich an zwei Wasserlöchern vorbei, die hier wohl auch den Bauern zum Tränken ihres Viehs dienen. Insgesamt sollen es wohl laut den Erzählungen des älteren Ehepaares um die 400 Pferde (Belege dazu konnte ich damals leider nicht finden, Anmerkung 2018) sein, die in diesem Gebiet leben. Allerdings sei der Großteil der Tiere von den Bauern ins Hinterland getrieben worden, um die hiesigen Wasservorräte für ihr Vieh nutzen zu können.

Eine überraschende Begegnung

 

Im Evakostüm stehe ich am Brunnen, schöpfe Wasser, als plötzlich das Ohrenpaar des Hengstes, den ich bereits kenne, über der Kuppe des Erdwalls erscheint. Musternd schaut er zu mir herüber und steuert dann das Wasserloch an. Nach und nach erscheint ein Mitglied des Familienverbandes nach dem anderen auf der Kuppe, und folgt ihm im Gänsemarsch ins kühle Nass. Ich sitze einfach nur da und sehe den Fohlen beim Plantschen zu. Was für ein Erlebnis. So nah ist man der Natur selten!

Auf Erkundungstour

 

Später mach ich mich auf, mit meinem Drahtesel den Weg ins Hinterland zu erkunden, nachdem ich mit dem Bus aufgrund der vielen Schlaglöcher nicht mehr vorankomme. Ich möchte noch mehr von dieser Gegend inhalieren. Am Horizont türmen sich Wolkenberge auf, der Wind bemüht sich, mich von meinem Unterfangen abzuhalten, aber ich trete entschlossen in die Pedale.

Wild West Feeling

 

Der Weg führt mich über steile Passagen, vorbei an kreisrunden Bombenkratern und verfallenen Häusern, hinauf auf eine Hügelspitze. Auf der einen Seite die Stadt Livno, auf der anderen Seite die raue Bergwelt in all ihrer Pracht und Härte soweit das Auge reicht. Und ich habe schon wieder Glück: Vor mir durchquert gerade eine kleine, bunte Pferdeherde die Talsenke und einmal mehr wird mir ein Anblick zuteil, dem keine Beschreibung gerecht wird. Die Szenerie scheint fast so, als sei sie gerade einem Western entsprungen – einfach unfassbar grandios.

Alles hat ein Ende

 

Ich verbringe einige Tage bei den Wildpferden, ehe mich zu neige gehenden Trinkwasservorräte zum Aufbruch und zu einem neuen Kapitel auf dieser Reise bewegen. Was ich hier in Livno erlebt habe, ist mit nichts vergleichbar, was man hierzulande im Umgang und Beisammensein mit Pferden kennt. Tiere, die in ihrem natürlichem, sozialem Gefüge – weitestgehend unbeeinflusst vom Menschen – einfach sein dürfen. Herden, die eine Landschaft durchwandern, die sich in all ihrer Schönheit vor dem Auge des Betrachters offenbart und einem den Atem stocken lässt. Ich fahre mit Bildern weiter, die sich für alle Zeit in mir eingeprägt haben, und Erlebnissen, die in ihrer Einzigartigkeit wohl unübertroffen bleiben werden…

Conny Ranz & Marlitt Wendt

AUTHOR: Conny & Marlitt