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RPlus | Das Pferd – dein Spiegel?
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Durch genaue Beobachtung zu einem besseren Miteinander

 

Vermutlich haben wir alle es schon einmal irgendwo gehört oder gelesen: Das Pferd ist dein Spiegel. Gemeint ist damit meist, dass ein Pferd ein so feines Gespür für Stimmungen des Gegenübers hat, dass es sein Verhalten direkt an das Verhalten des*der Anderen anpasst und so ein unheimlich ehrliches Feedback gibt. Doch werden wir dem Pferd damit gerecht, wenn wir es „nur“ als Spiegel unserer Selbst sehen? Und wollen wir wirklich ehrlich hinschauen und das annehmen, was wir da in diesem lebendigen Spiegel sehen können? Unsere guten wie auch unsere weniger guten Eigenschaften oder Persönlichkeitsanteile? Und ist da nicht noch mehr an eigenständiger Persönlichkeit beim Pferd? Ganz abgesehen davon, ob wir nicht eventuell auch ein Spiegel für das Pferd sind? Diesen grundlegenden Themen des Dialogs zwischen zwei so verschiedenartigen Wesen möchte ich im Folgenden etwas Raum geben. Denn nur über das Nachdenken über die eigenen Verhaltensmuster, Rollen, die wir immer wieder spielen und über die Ebenen der Persönlichkeiten von Mensch und Pferd werden wir eine intensive Beziehung zu unserem Pferd aufbauen können und damit dem Pferd und uns selbst wirklich gerecht werden können.

Die eigenen Glaubenssätze erkennen

 

Es kann ein sehr sinnvoller Weg zu einem tieferen Verständnis des Pferdes sein, wenn man sich zunächst ganz ohne den direkten Kontakt zum Pferd einmal Gedanken darüber macht, welche Vorstellungen wir von unserem Pferd eigentlich haben, wenn es gar nicht dabei ist. Wie würden wir seinen Charakter jemand anderem beschreiben? Was gibt es da an Vorlieben und Abneigungen zu berichten? Was sind kennzeichnende Verhaltensweisen?

Vorurteile sind schwieriger zu zertrümmern, als Atome. Albert Einstein

Oft genug ist es so, dass sie Aspekte, die uns da als erstes einfallen auf vorgefertigten Meinungen beruhen. In meiner Praxis als Verhaltensbiologin erlebe ich beispielsweise häufig die Annahme, dass Hengste generell „dominant“ seien, eine strenge Hand brauchen und hart im Nehmen seien. Besitzer*innen, die diese Grundannahme von ihrem Pferd haben, werden ihrem Hengst dann entsprechend „vorsichtshalber“ eher ruppig oder hart gegenübertreten. Dabei stellt sich eben die Frage ob dieser Glaubenssatz „Hengste sind…“ denn überhaupt der Realität entspricht. Auch jeder Hengst ist ein Individuum mit einzigartiger Persönlichkeit. Es gibt ebenso zarte, eher schüchterne Hengste, wie es rüpelige Macho-Typen oder verspielte Spaßvögel gibt.

Vorgefertigte Etiketten

 

Ein anderes Beispiel: Welche Gedanken kommen Ihnen, wenn Sie nicht an das Geschlecht Ihres Pferdes denken, sondern an seine Rassezugehörigkeit? Was sind da die Ansichten, die einem direkt in den Sinn kommen. Auch hier zeigt sich oft genug, dass es viele, viele klischeehafte Vorurteile über alle möglichen Rassen gibt. Da wird von spinnigen, zartbesaiteten Arabern gesprochen, von faulen, gemütlichen Kaltblütern oder sturen Haflingern. Und genau diese vorgefertigten Etiketten, an die man irgendwie selbst glaubt, weil man es oft genug gehört hat, die beeinflussen das eigene Verhalten. Wir werden also ein vermeintlich stures Pferd eher mit Druck begegnen oder ein vermeintlich faules Pferd für seine Trägheit bestrafen. Genau das passiert jedenfalls im Alltag erschreckend häufig.

Eigene Zielvorstellungen überdenken

 

Neben den inneren Glaubenssätzen ist es auch sehr interessant, sich einmal wirklich über die eigenen Zielvorstellungen mit dem Pferd Gedanken zu machen. Möchte ich, dass mein Pferd mir vertraut? Soll es gewissermaßen vorhersehen was ich als nächstes tun möchte? Und wenn ich ganz ehrlich bin: Weiß das Pferd überhaupt von meinen Erwartungen? Habe ich es intensiv auf seine Aufgabe vorbereitet, es liebevoll und gewissenhaft ausgebildet? All diese Fragen helfen dabei, sich besser einzufühlen, wie wie viele Erwartungen ein*e durchschnittliche*r Reiter*in so an ein Pferd stellt. Es soll geduldig sein, aber bitte nicht langweilig. Gelassen und ruhig, aber auf keinen Fall triebig. Es soll die tollsten Lektionen mit Leichtigkeit bewältigen, auch wenn es weder wirklich dafür trainiert wurde noch von einem Pferdeprofi ausgebildet wurde.

Wenn Traumvorstellung auf Realität trifft

 

Gerade die Erwartungen an Reitpferde sind dabei riesig. Die Ausbildung von Pferd und Reiter*in dauert aber viele Jahre. Es bedarf regelmäßigen Trainings um ein gutes Niveau zu erreichen und halten zu können. Da kann es hilfreich sein einmal wirklich einen Abgleich zwischen Wunsch und Realität zu machen. Also jeweils einander gegenüberzustellen was ich von meinem Pferd erwarte, und was es tatsächlich leisten kann. Vor dem gemeinsamen Tanz mit einem Pferd, bei dem sich die Bewegungen von beiden Partner*innen synchronisieren und der Hauch einer Hilfe reicht, den*die andere*n zu lenken, gilt es eine Menge Energie und Arbeit zu investieren. Gute Pferdeausbildung bedeutet auch realistische Ziele zu setzen und einen Trainingsplan mit vielen Zwischenschritten zu setzen. Klein anfangen und viele Wiederholungen einplanen hilft dabei beide Seiten nicht zu überfordern.

Genau beobachten

 

Wer sein Pferd wirklich verstehen möchte, der kann die Persönlichkeit des Tieres über seine vielfältige Mimik, Körpersprache und seine typischen Verhaltensweisen kennenlernen. Bevor wir nämlich in die Interaktion gehen, möchte ich immer wenigstens einen kurzen Eindruck davon haben, was für ein besonderes Wesen wir da vor uns haben. Was also ist beispielsweise seine bevorzugte Gangart und Geschwindigkeit? Bewegt es sich sehr geschmeidig und tänzerisch oder eher langsam, aber kraftvoll? Wie könnte man seine Mimik beschreiben? Ist die Gesichtsmuskulatur weich und locker oder eher angespannt und fest? Mit welchen anderen Pferden ist es häufig in Kontakt? Je mehr Fragestellungen ich mir zur Beobachtung überlege und je genauer meine Beschreibung ausfallen kann, desto mehr Gefühl werde ich für das jeweilige Pferd entwickeln schon bevor es ans eigentliche Training geht.

Erkenntnisse sammeln

 

Mir wird eventuell auch auffallen, welche Tageszeiten eher der Ruhe dienen und wann mein Pferd von sich aus aktiv ist. Oder ob es eher gemächlich frisst und gründlich kaut oder eventuell hastig frisst. Je mehr Fakten ich sammeln kann, desto weniger gehe ich davon aus, dass mein Pferd nur meine Bedürfnisse spiegeln soll, sondern desto mehr wird einem bewusst, ob es unserem Gegenüber wirklich gut geht. Und ob es Bedürfnisse gibt die in seinem Leben zu wenig gestillt werden und um die wir uns gezielt kümmern sollten. So kann etwa ein ungewöhnliches Verhalten wie häufiges Liegen oder Absondern von der Gruppe ebenso wie taktunreine oder langsame Bewegungen oder eine verspannte Mimik Hinweise auf Schmerzen oder Stress beim Pferd liefern. Denn nur ein vitales, glückliches Pferd wird sich unserem Training mit Freude widmen.

Wer möchte ich für mein Pferd sein?

 

Vermutlich werden viele Pferdemenschen diese Frage mit der Antwort „ein*e Freund*in“ oder „Partner*in“ beantworten. Doch auch in dem, wie ich mit meinem Verhalten auf das Verhalten des Pferdes reagiere, kann ich für mich erkennen wie liebevoll ich tatsächlich bin. Werde ich vielleicht schnell ungeduldig? Benötige ich diverse Hilfsmittel um eine Antwort von meinem Pferd zu bekommen? Beispielsweise die Gerte zum Treiben? Kommt mein Pferd auf mich zu wenn ich es auf der Weide besuche oder läuft es gar davon? Folgt es mir ohne Führstrick und Halfter? All diese Fragen können dazu dienen den eigenen Weg näher einzugrenzen.

Sich ehrlich einschätzen

 

Um einen partnerschaftlichen Weg zu wählen und prompte und flüssige Reaktionen des Pferdes zu erlangen, kann es hilfreich sein, jedes einzelne Signal, was ich eigentlich für selbstverständlich voraussetze, auf den Prüfstein zu legen? Hat mein Pferd mich wirklich verstanden? Könnte ich selbst einem anderen Menschen beschreiben wie mein Zeichen fürs Rückwärtsgehen beispielsweise genau aussieht? Solange ich selbst nicht genau bin in meiner eigenen Körpersprache und konsequent immer dieselben Zeichen verwende, solange kann ich keine schnelle Reaktion des Pferdes erwarten. Pferde können quasi Gedanken lesen und unser Verhalten direkt spiegeln – allerdings im Negativen ebenso wie im Positiven. Das was bei manchen so leicht und selbstverständlich aussieht ist das Ergebnis einer intensiven Interaktion und vor allem einer gründlichen Arbeit an sich selbst und den eigenen Defiziten.

Wer spiegelt hier eigentlich wen? Marlitt

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Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt