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RPlus | Empfindlich und wunderbar
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Pferde sind hochsensibel

 

Die Empfindlichkeit oder Sensibilität eines Pferdes kann man unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten. Zum einen versteht man neurophysiologisch gesehen darunter die Fähigkeit zu Fühlen, also die Empfindlichkeit mit der ein Pferd Reize wahrnimmt. Dabei bestimmen unterschiedliche Rezeptortypen, die über den Pferdekörper verteilt sind, die unterschiedliche Empfindsamkeit eines Individuums. So dienen z.B. Thermorezeptoren der Wahrnehmung der Temperatur, Mechanorezeptoren der Wahrnehmung von Druck auf der Haut wie Berührungen oder Vibrationen. Das sensible System des Pferdes orientiert sich also sowohl an der Verteilung der unterschiedlichen Rezeptortypen, dem Zusammenspiel dieser untereinander und der Vorerfahrung des Pferdes und den damit verbundenen Emotionen.

Reaktivität bei Pferden

 

Ein anderes Einteilungsmodell versteht unter Sensibilität die aus diesem physiologischen Hintergrund auch im Verhalten erkennbaren Persönlichkeitsmerkmale wie Reaktivität und Erregbarkeit. Ein sensibles Pferd kann sowohl reaktiv als auch leicht erregbar sein. Unter Reaktivität versteht man dabei das sofortige Handeln nach dem Wahrnehmen eines Reizes. Ein solches Pferd schenkt also – je nach persönlicher Prädisposition – bestimmten Außenreizen eine große Beachtung. Es handelt quasi bevor es nachdenkt. Ein leicht erregbares Pferd muss gar nicht unbedingt einen einzelnen Reiz im Fokus haben, sondern sein Erregungslevel steigt schnell an und es beruhigt sich nur langsam wieder. Ganz allgemein gesprochen erscheinen sensible Pferde sehr aufmerksam und reagieren schon bei einer geringen Reizintensität mit eindeutigen Handlungen.

Das sensible Pferd als Partner

 

Ein sensibles Tier kann ein herrlicher Partner sein. Ist man als Reiter*in in der Lage selbst aufmerksamer zu agieren und Signale wirklich nur anzudeuten, so wird der*die vierbeinige Freizeitpartner*in mit der Zeit scheinbar unsere Gedanken lesen können. Man kann sich die Sensibilität eines Pferdes zunutze machen, indem man dies als innere Stärke des Pferdes wertschätzt. Es braucht keine deutlichen Handzeichen, sondern nur noch einen Fingerzeig, keine übertriebene Hilfengebung mehr, sondern nur den Hauch einer Berührung. Und jedes Pferd ist erfahrungsgemäß sensibler in seiner Wahrnehmung als wir Durchschnittsmenschen. Wir können uns von diesem Talent der Pferde leiten lassen, indem wir selbst wieder lernen, genau hinzuhören und auch vermeintlichen Kleinigkeiten mehr Beachtung schenken. Die natürliche Sensibilität der Pferde verdient es eben auch unsere Umgangsformen zu überdenken und manchmal etwas leiser und weniger fordernd aufzutreten.

Wenn die Sensibilität scheinbar verloren ist

 

Pferde besitzen von aus Natur aus eine stark ausgeprägte Feinfühligkeit und Aufmerksamkeit. Jedoch leidet diese angeborene Sensibilität oft schon sehr früh unter den ungeschickten „Erziehungsmaßnahmen“ der Reiter*innen, wenn nämlich das Pferd mit unverständlichen Anforderungen konfrontiert oder über Druck einfach zur Reaktion gezwungen wird. Werden Pferde im Trainingsprozess ständig zu Verhaltensweisen genötigt, so lernen sie nur sich dem Druck zu entziehen und sich ohne Eigenmotivation den Befehlen des Menschen zu unterwerfen. Versteht es dagegen die Zusammenhänge zwischen einem gegebenen Signal und der darauf erwünschten Verhaltensweise, dann kann es nachvollziehen was der Mensch von ihm möchte und wird freiwillig mitarbeiten, sofern es ausreichend dazu motiviert ist.

Sind wir gute Partner?

 

Der Schlüssel zu eifrigen und aufmerksamen Pferden ist dabei die Vorhersehbarkeit. Ein Pferd möchte immer sicher sein, dass es für seine Bemühungen auch eine sofortige positive Rückmeldung vom Menschen bekommt. Um Pferde überhaupt für die Zusammenarbeit mit uns zu begeistern müssen wir uns erst einmal grundsätzlich überlegen, warum aus Sicht der Pferde sie eigentlich mit uns Menschen gemeinsam aktiv werden sollten? Was haben sie denn davon? Erfahren sie genügend Aufmerksamkeit, spüren sie unsere Wertschätzung und nehmen sie die Zuwendung des Menschen entspannt entgegen?

Positive Atmosphäre

 

Sobald der Mensch versucht mit seinem Pferd eindeutig und präzise unter Verwendung der positiven Verstärkung zu kommunizieren, kann eine Atmosphäre des Zuhörens und des Wahrgenommen-Werdens erst entstehen. Damit unsere Pferde ihre Sensibilität zurückgewinnen können, müssen wir Menschen erst wieder lernen ihnen sensibler und leiser zu begegnen. Mit viel Lob, kleinen Erfolgserlebnissen und angemessenen Belohnungen können wir ihre Neugierde wecken, sie sensibilisieren für die subtilen Zwischentöne in unserer Kommunikation und ihnen das Zusammensein mit den Menschen wieder schmackhaft machen.

Schmerzen als Ursache?

 

Natürlich besteht immer die Möglichkeit, dass „dickfelliges“ oder sogar apathisches Verhalten die Auswirkungen einer akuten Erkrankung darstellen. Gerade chronische Schmerzen führen zu subtilen Verhaltensauffälligkeiten, wobei insbesondere introvertierte Pferde ihre Schmerzempfindungen oft nicht durch Buckeln, Schnappen oder ähnliche offensichtliche Reaktionen zeigen, sondern sich mehr und mehr in sich selber zurückziehen.

Was will uns unser Gegenüber sagen?

 

Aber neben den großen Themenfeldern der psychischen und physischen Gesundheit, welche das Wohlbefinden und die Motivation entscheidend beeinflussen, ist doch fast immer der Mensch und die Qualität seiner Umgangsformen die Ursache für Unstimmigkeiten zwischen den Freizeitpartner*innen. Meist wird ja ein Pferd als stur oder abgestumpft bezeichnet, weil es im Alltag oder bei der gemeinsamen Arbeit nicht so reagiert, wie der Mensch es sich vorstellt. Aber gerade diese einseitige Wahrnehmung zeigt uns doch, dass wir an unserer Erwartungshaltung und der Form des Miteinanders arbeiten müssen.

Dickkopf Pferd oder Mensch?

 

Der menschliche Faktor begeht die Trainingsfehler, wir übersehen allzu oft die Kommunikationsversuche der Pferde und wir tragen die Verantwortung für Überforderung, die Arbeit mit negativer Verstärkung und die Anwendung von Druckmethoden. Wir können den Beginn einer schleichenden Desensibilisierung unserer Pferde schon frühzeitig erkennen, wenn wir sie innerhalb aber auch außerhalb unseres Trainings mal genauer beobachten.

Nochmal hinhören, hinsehen, hineinspüren

 

Schon vermeintliche Kleinigkeiten können uns Hinweise geben, ob die Tiere bereits abgestumpft in bestimmten Situationen reagieren. Im Training häuft sich oft unerwünschtes Verhalten, auch zeigen sie verminderte Reaktionen auf Reize oder Kommandos, sie neigen dazu langsamer und lustloser zu agieren oder aber Hilfengebungen einfach zu übergehen. An diesem Punkt geraten viele von uns dann in einen Teufelskreis, nämlich den aufkommenden Problemen mit mehr Druck und autoritärer Härte zu begegnen. Aber gerade das absolute Gegenteil ist nun vonnöten, anstatt die Pferde mit verstärkter Grobheit weiter abzustumpfen, müssen wir sie viel mehr wieder sanft davon überzeugen, dass wir gemeinsam Spaß haben können und das sich das Zusammensein mit uns wieder für sie lohnt.

Langsam, leise, lieb

 

Nach dem Motto „Langsam, leise und lieb“ müssen wir sie wieder erneut begeistern und ihre Sensibilität in Bezug auf die feinen Signale und die höfliche Kommunikation behutsam wieder aufbauen. Die Seele der Pferde reagiert auf unangenehme Reize ähnlich wie die Flanke eines Pferdes, welche schmerzhaft mit der Gerte geschlagen wird, sie zeigt sich immer unempfindlicher und vernarbt mit der Zeit. Vernarbte Pferdeseelen, traurige Augen und abgestumpfte Pferdepersönlichkeiten sind leider immer noch ein vertrauter Anblick in unseren heimischen Reitställen. Wir tragen die Verantwortung dafür, dass es unseren vierbeinigen Freund*innen nicht ähnlich ergeht, indem wir an unserer eigenen Sensibilität ihnen gegenüber arbeiten und den Pferden das Recht zugestehen ein Leben ohne Unterdrückung führen zu dürfen.

Zeigen wir uns also unseren Pferden. Mit dem Herzen. Alles Liebe, Marlitt

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Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt