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RPlus | Pause im Entspannungsquadrat
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Konditionierte Entspannung trainieren

 

Das Training mit Futterlob kann zu Problemen führen, nämlich wenn die Pferde immer mehr hochfahren, sich aufspulen und ständig Lektionen anbieten. Wir müssen daher für wiedererkennbare Strukturen sorgen, die dazu führen, dass sich das Pferd auch in Anwesenheit von Futter entspannen und auf sich selbst konzentrieren kann. Im Idealfall darf das Pferd aus meiner Sicht nicht in ständiger Erwartungshaltung sein, wie es sich das nächste Leckerli erarbeiten kann, da es in diesem Falle eine permanent erhöhte Körperspannung haben würde. Ich unterscheide im Training mit meinen Pferden zwischen aktiven Phasen und passiven Phasen. Die passiven Phasen werden nicht immer mit Futter begleitet und wenn dann nur beispielsweise in Form von einer Heupause oder beiläufiger Futtergabe, aber niemals mit der Kombination Click und Leckerli. Wenn ich wirklich tiefgehende körperliche und geistige Entspannung erarbeiten möchte, dann greife ich gerne auf das Konzept der konditionierten Entspannung zurück und nutze dafür zunächst einen von mir „Entspannungsquadrat“ genannten Ruheraum aus am Boden liegenden Stangen.

Warum ein Ruheraum?

 

Das Entspannungsquadrat ist als optische Hilfe gedacht, um dem Pferd und auch dem Menschen buchstäblich einen Rahmen zu geben, in welcher Phase sie sich gerade befinden. Mit dem deutlich erkennbaren Stangenquadrat verorten wir räumlich unseren Modus der Aufmerksamkeit. Außerhalb das eigentliche Training, innerhalb die körperliche Entspannung etwa über das Kraulen.

Entspannung erzeugen

 

Da das Pferd diesen Unterschied über sein räumliches Orientierungsvermögen gut lernen kann, hilft es ungemein, die gewünschte Entspannung zu erzeugen, indem man zunächst einen definierten Ort wie hier das Entspannungsquadrat wählt. Später können wir ein bestimmtes Ritual zur Entspannung etablieren und somit auf unseren streng definierten Raum verzichten, damit wäre es uns quasi überall möglich Entspannung bei unserem Pferd zu erzeugen.

1) Und wie genau trainiert man im Entspannungsquadrat?

 

Zunächst weiß das Pferd ja nicht, dass es in diesem Raum „nichts“ aktiv tun soll, sondern im Gegenteil erst mal passiv die menschlichen Berührungen genießen darf. Daher betritt man zunächst den gewählten Ruheraum. Sobald wir uns innerhalb des Quadrats befinden, werden keine bereits erlernten Signale mehr gegeben und auch kein Futter gefüttert. Man macht sich nun auf die Suche nach einem Bereich am Pferdekörper, an dem das Pferd unsere Berührungen genießen kann. Ideal ist es, wenn wir schon eine Ahnung haben, welche Kraulstellen das sein könnten. Das Wissen um die bevorzugten Körperteile gehört meiner Meinung nach zu den oft unterschätzten Grundfertigkeiten eines jeden Pferdeliebhabers. Wer sich hier noch unsicher ist was sein Pferd für eine Kraultyp ist kann sich auf eine spannende Entdeckungsreise freuen, die uns über den gesamten Pferdekörper führen wird.

2) Besonders geschätzte Kraulstellen finden

 

In unserem Entspannungsquadrat ist es wichtig, genau so zu kraulen, wie es das Pferd wirklich mag. Bei dem einen Typ ist das vielleicht sehr zart am Widerrist, bei einem anderen sehr kräftig am Pferdepo. Es soll dabei eindeutig ein Genussgesicht mit vorgeschobener Oberlippe und in sich gekehrtem Blick aufsetzen. Erst dann ist es ganz sicher nicht mehr im aktiven Modus, sondern horcht in sich hinein und ist ganz in seinem körperlichen Erleben versunken.

3) Auf die Körpersprache achten

 

Und genau diese körpersprachlichen Signale an uns sind die eindeutigen Anzeichen für eine tiefe Entspannung selbst innerhalb unserer Trainingseinheit. Nach und nach kann man daraufhin beiläufig die Hand in der Futtertasche etwas bewegen und damit zunächst leise und mit mehr Übung auch lautere Geräusche zu erzeugen. Das Pferd soll dadurch lernen, dass es auch in Anwesenheit des Futters ruhig bleiben kann und dass es nicht immer etwas zu tun gibt.

4) Und wie kann man dann irgendwann auf die Stangen verzichten?

 

Langfristig soll sich das Pferd natürlich überall in unserer Gegenwart und im Bewusstsein, dass Futter in Reichweite ist, entspannen können und nicht nur in unserem Entspannungsquadrat. Dazu nutze ich den Effekt der Etablierung eines Rituals. Ich überlege mir also eine wiederkehrende Abfolge immer gleich ausgeführter Handlungen, etwa eine bestimmte Berührung mit der ich die Kraulpause immer beginne und ebenso eine bestimmte Berührung, mit der ich sie abschließe. Wichtig ist auch das Kraulen nicht abrupt zu beenden, sondern die Intensität im Verlauf der Zeit immer geringer werden zu lassen. Parallel dazu baue ich das Entspannungsquadrat zunächst an verschiedenen Orten auf dem Reitplatz auf und deute es nach und nach nur noch an, indem ich nicht mehr vier Stangen benutze, sondern erst nur noch drei, dann zwei, dann nur noch eine und dann gar keine mehr. Wir können auch als kleine Hilfestellung für uns selber noch eine Zeit lang das Entspannungsquadrat mit dem Fuß leicht in den Sand zeichnen.

Exkurs – Neben der Spur

Die wissenschaftlichen Hintergründe zur konditionierten Entspannung

 

Warum das Ganze so gut funktioniert und einen so großen Nutzen im positiven Pferdetraining hat, liegt in der Macht der Berührung. Als angenehm empfundene Berührungen, ob zart oder fest bewirken in allen Säugetierkörpern deutlich messbare physiologische Reaktionen. In der sensiblen Haut unserer Pferde enden sehr viele Nervenbahnen, deren positive Erregungen beispielsweise dafür verantwortlich sind die Ausschüttung des Hormons Oxytocin zu begünstigen. Oxytocin wiederum hat eine beruhigende, harmonisierende Wirkung auf die Stimmung der Tiere, es ist sozusagen das „Wohlfühlhormon“ im Körper der Säugetiere. Der oben beschriebene Trainingsprozess bewirkt über die klassische Konditionierung, durch die Verknüpfung einer bestimmten Berührung mit einer angenehmen Wahrnehmung. Wenn wir also unser Pferd liebevoll berühren, so können auf einer ganz behutsamen, körperlichen Ebene direkt mit ihm kommunizieren. Dieses einmal etablierte Ritual in unserem Entspannungsquadrat ist der Ruhepol für Mensch und Pferd und wird uns auch in Zukunft in unserem aufregenden Trainingsalltag begleiten.

Immer schön locker bleiben ;),  Marlitt

Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt