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Persönlichkeiten von Pferden | RPlus
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Das Pferd im Auge des*der Betrachter*in

 

Pferde präsentieren sich unglaublich vielfältig in ihrem Verhaltensrepertoire, in ihrer Körpersprache und ihren individuellen Vorlieben. Was gibt es Schöneres als die Persönlichkeit seines Pferdes zu entdecken? Doch wie gelingt es uns, seinen wahren Charakter zu erkennen? Welche Typen gibt es unter unseren Pferden? Und werde ich meinem Pferd mit solchen Eigenschafts-Etiketten als eigenständige Persönlichkeit wirklich gerecht?

Einschätzung der Persönlichkeitstypen

 

Die Erforschung der Pferdepersönlichkeit und das Ausloten ihrer mentalen Eigenarten ist extrem spannend. Indem wir uns durch genaue Beobachtungen an die psychischen Eigenschaften des Tieres annähern und damit herausfinden welche charakterlichen Neigungen besonders stark ausgeprägt sind, können wir beispielsweise bereits erahnen, welches Pferd möglicherweise gefährdet ist an einer psychischen Störung zu erkranken. Ebenso liefert uns bereits die grobe Einschätzung des Persönlichkeitstyp, welche Pferde mit bestimmten Haltungsformen oder Trainingsmethoden am besten zurecht kommen oder wie sich ihr Wohlbefinden im Laufe des Lebens schon durch kleine Veränderungen steigern lässt. Zu diesem Zweck gibt es viele unterschiedliche Modelle zur Einordnung der Persönlichkeit in verschiedene Charaktertypen.

Eine Momentaufnahme der Psyche

 

Die Psyche des Pferdes ist sozusagen das geistige Abbild all seiner Erfahrungen und Erlebnisse, jede dieser einzigartigen Persönlichkeiten reagiert anders auf seine Umwelt, besitzt bestimmte genetische Dispositionen und neigt im Laufe der Jahre zu gewissen Entwicklungen. Und obwohl jedes einzelne Pferd ein einmaliges Produkt seiner Umwelt darstellt, so gibt es doch einige universelle Verhaltensstrategien, welche den Charakter einer Pferdepersönlichkeit deutlich prägen.

Den Basistyp erkennen

 

Analog zur Beschreibung der menschlichen Eigenschaften, können auch beim Pferd bestimmte typische Charaktereingenschaften gefunden werden, die im Laufe ihres Lebens relativ stabil bleiben, ihr inneres Wesen beleuchten und seine Stärken und Schwächen kennzeichnen. Dabei spiegeln Basiseigenschaften wie Gehemmtheit oder Erregbarkeit, der Grad der Extraversion oder die vorherrschende Form der Emotionalität die Grundzüge des Wesens des jeweiligen Pferdes wider.

Charaktereigenschaften vorsichtig benennen

 

Möchte man das Bild vom Charaktertyp des eigenen Pferdes noch genauer unter die Lupe nehmen, so kommen weitere individuelle Eigenschaften wie die Ausprägung der Intelligenz oder die vorherrschenden Interessen des Tieres hinzu. Vorsichtig muss man jedoch dabei sein, den ermittelten Charaktereigenschaften eine Allgemeingültigkeit zuzusprechen, denn diese zugeschriebenen Attribute sind natürlich keine in Stein gemeißelten Wahrheiten und können unsere Tiere zumeist nur für eine bestimmte Situation oder einen überschaubaren Zeitraum treffend beschreiben.

Einmal schüchtern – immer schüchtern?

 

So wird etwa ein sehr introvertiertes Pferd entgegen seiner sonstigen Verhaltensstrategie auch einmal offen auf andere zugehen können, gesellig sein oder sogar aufdringlich die Nähe fremder Artgenoss*innen aufsuchen. Eine psychische Disposition ist ein theoretischer Ausgangswert, der beschreibt, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Pferd sich eben so verhält. Dennoch kann es je nach äußeren Rahmenbedingungen, positiven Lernerlebnissen und der aktuellen Gefühlslage durchaus ganz anders agieren als erwartet.

Das Wesen entwickelt sich ständig

 

Die Persönlichkeitsmerkmale können sich sogar im Laufe des Lebens deutlich verändern oder umkehren. Ein Pferd welches viele positive Lernerfahrungen machen darf, sich frei bewegen kann und stabile soziale Beziehungen pflegt wird sich trotz ursprünglich introvertierter Disposition extrovertierter zeigen als manch anderes von Natur aus eigentlich offenes Pferd mit weniger günstigen Lebensbedingungen. Diese mentale Flexibilität unserer Vierbeiner*innen bedeutet aber auch, dass wir die Entwicklung der Pferdepersönlichkeit positiv beeinflussen können. So ist es eben auch möglich einen schüchternen und unsicheren Typ aus seinem Schneckenhaus zu locken und das schlummernde Potential für mehr Selbstvertrauen zu fördern.

Pferdepsyche verstehen

 

Unsere Einschätzungen der vorliegenden Pferdepsyche können nur dann aussagekräftige Erkenntnisse liefern wenn wir unsere Pferde in möglichst vielen verschiedenen Situationen beobachten und ihre Eigenschaften in unterschiedlichen Lernphasen testen. Weiterhin ist es wichtig sich immer wieder klarzumachen, dass es unsere menschliche Wahrnehmung ist, die unsere Beobachtung des Pferdeverhaltens maßgeblich beeinflusst. Wir beobachten etwa ein ängstliches Verhalten und schließen daraufhin auf ein generell ängstliches Pferd. Dieser Zusammenhang ist jedoch nicht zwingend herstellbar. Die Beobachtung des*der Besitzer*in ist oft äußerst subjektiv, er schätzt das Angstgefühl des Pferdes oft ganz anders ein als ein*e unbeteiligte*r Beobachter*in oder ein*e professionelle*r Verhaltensexpert*in das tatsächliche Angstverhalten bewerten würde oder eine Auswertung der physiologisch messbaren Parameter der Angsterregung wie etwa der Herzschlag oder die Ausschüttung der Stresshormone erwarten lassen.

Bestimmung des Verhaltenstyps

 

Es gibt jedoch psychologische Modelle, welche die psychischen Tendenzen der Persönlichkeit von Mensch und Tier ziemlich präzise erfassen können, auch ohne die Individuen gedanklich in ein starres Schubladensystem zu verfrachten. Die fünf wichtigsten Faktoren zur Bestimmung des Verhaltenstyps sind der Neurotizismus einer Person, sein Grad der Extraversion, seine Offenheit für Erfahrungen, die Ausprägung seiner Gewissenhaftigkeit und seine soziale Verträglichkeit.

Neurotizismus

 

Der Faktor Neurotizismus zeigt dabei wie ruhig und selbstischer, also emotional stabil ein Pferd ist oder aber wie sprunghaft und verletzlich es erscheint. Während einige Pferde offenbar wegen vermeintlicher Kleinigkeiten aus ihrer inneren Balance gerissen werden, ruhen andere geradezu in sich selbst. Gerade die labilen Pferdetypen sind häufig ängstlich, wirken unsicher und verfallen leichter in Verhaltensstörungen als die emotional eher stabilen Exemplare. So gibt es immer wieder labile Pferde die extrem stark auf Stress reagieren und leicht auch körperliche Beschwerden davontragen. Sie neigen vermehrt zur Nervosität, sind leichter reizbar und zeigen oft eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit.

Der Grad der Extraversion

 

Ob ein Pferd tendenziell eher intro- oder extrovertiert ist, lässt sich an seiner Reaktion auf andere Pferde und den Menschen feststellen. Während einige Pferde sich zunächst eher im Hintergrund halten, schwer Kontakt zu anderen aufbauen und passiv zurückhaltend sind, gehen andere aktiv auf fremde Artgenosse*innen zu, halten enge Verbindungen zu ihren Herdenmitgliedern und zeigen ausdrucksstarke Verhaltensweisen. Gerade in Bezug auf Stress wird der Unterschied dieser beiden Persönlichkeitstypen besonders deutlich: Während sich der introvertierte Stresstyp zunächst in sich selbst zurück zieht und von außen betrachtet immer ruhiger wird und das Stresserleben zunächst gegen sich selbst richtet, reagiert der extrovertierte Stresstyp aktiv nach außen hin sichtbar und zeigt Verhaltensweisen wie aufgeregtes Umherlaufen, Kontaktrufe oder deutliches Imponierverhalten.

Offenheit für Erfahrungen

 

Einige Pferde sind auffällig neugierig, sie suchen geradezu neue Erfahrungen, freuen sich auf die Zusammenarbeit und zeigen sich offen für die Vorschläge des Menschen. Sie erwarten anscheinend nur das Gute, lieben die Abwechslung und stellen sich auch gerne kniffeligen Herausforderungen. Eher konservative Typen dagegen halten an altbekannten Tagesabläufen fest, fühlen sich im gewohnten Umfeld am wohlsten und erledigen am liebsten vertraute Aufgaben. Insbesondere das Maß an Möglichkeiten sich selbst auszuprobieren unterscheidet sich von Pferd zu Pferd sehr. Einige bieten im Verlauf der Ausbildung sehr viele unterschiedliche Verhaltensweisen und Bewegungen an und scheuen sich nicht auch mit fremden Menschen und Gegenständen zu arbeiten, während sich der „traditionsbewusste“ Typ eher an der Routine erfreut und an den bereits erlernten Verhaltensmustern festhalten möchte.

Gewissenhaftigkeit

 

Was wir beim Menschen als Gewissenhaftigkeit bezeichnen, findet beim Pferd seine Entsprechung in Verhaltensweisen welche auf eine gewisse Genauigkeit in seinen Aktionen abzielt. Es gibt Pferde, die ihre bekannten Aufgaben sehr sorgfältig erledigen, die mit großer Präzision Lektionen wiederholen und ihre Übungen sehr eigenverantwortlich ausführen. In vielen Bereichen der Zusammenarbeit mit Pferden, wie etwa bei Holzrückepferden im Wald ist dieses hohes Maß an Genauigkeit extrem wichtig. Diese gewissenhaften Pferdepersönlichkeiten zeigen sogar manchmal Handlungen die vorher gemachte Fehler wieder korrigieren sollen. Dagegen bevorzugen die etwas „lockeren“ Pferdetypen eine entspanntere Haltung zur Präzision, sie schätzen die reine Aktivität ohne sich penibel mit den vermeintlich unnötigen Details abzugeben.

Soziale Verträglichkeit

 

Die soziale Kompetenz ist bei jedem Pferd wie auch bei uns Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt Pferde, die ein hohes Maß an Empathie aufbringen, die sofort die Stimmungsveränderungen innerhalb einer Gruppe verspüren und die emotionalen Bedürfnisse anderer Lebewesen sehr leicht erfassen können. In der Pferdeherde übernehmen diese vermittelnden  Pferdepersönlichkeiten die Aufgabe für den Zusammenhalt der Gruppe zu sorgen. Sie sind wahre Meister*innen der Kooperation und Kommunikation. Dagegen pflegen andere Pferde etwa nur die Freundschaft zu einem*einer anderen Artgenoss*in oder vertrauen sich ausschließlich ihrem Menschen an.

Wahre Edelsteine

 

So verschieden all diese Faktoren auch sein mögen, aus ihnen zusammen kristallisiert sich der Charakter eines Pferdes heraus. Wer mit offenem Herzen, wachem Auge und klarem Verstand Pferde beobachtet, der wird die Einzigartigkeit erkennen. Es gehört es zu einer verständnisvollen Beziehung dazu sich für die Emotionen und die Psyche seines Pferdes zu interessieren, aber wir dürfen den Tieren keinen Stempel aufdrücken wie: Du bist der unsensible Rabauke oder du bist das arme, labile Seelchen. Wir würden unsere geliebten Freizeitpartner*innen damit nur auf wenige Attribute reduzieren, ohne sie im Kontext ihrer Herde oder ihrer Entwicklungsmöglichkeiten wahrzunehmen. Denn wahr ist vielleicht nur das Eine: Unsere wunderbaren Pferde sind eben so viel mehr als sie sich so einfach von außen anmerken lassen.

aus „Pferdsein reloaded“

Viel Freude beim Entdecken, Marlitt

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Marlitt Wendt

 

 

Ich bin Verhaltensbiologin und eine Pionierin auf dem Gebiet des Trainings mit positiver Verstärkung für Pferde. Das was zunächst als private Leidenschaft begann, ist seit fast 20 Jahren meine Berufung. Ich habe meinen Traum verwirklicht und durfte mein Wissen und meine Erfahrung als Autorin in vielen Sachbüchern und Fachartikeln veröffentlichen und als Dozentin auf Seminaren im gesamten deutschsprachigen Raum in der Praxis umsetzen. RPlus ist nun die Quintessenz meiner bisherigen Arbeit. Mit RPlus als Idee, positive Verstärkung in ihrer Gesamtheit darzustellen und den Grundgedanken des Gebens wirklich zu leben, veröffentliche ich hier lerntheoretische Inspirationen, meine eigenen Ausbildungskonzepte und persönliche Einblicke in meine Pferdewelt.

Conny Ranz

 

 

Ich bin Pferdefotografin und Grenzgängerin. Mit meiner Kamera bewege ich mich zwischen den Welten. Zwischen Tier und Mensch, zwischen Traum und Realität. Pferde ihrer Natur entsprechend in ihrer ganzen Persönlichkeit zu zeigen, begeistert mich damals wie heute. Dazu bin ich unter anderem europaweit auf den Spuren der Wildpferde unterwegs. Diese Begegnungen erwecken stets den Mut zur Freiheit in mir. Mit meinen Bildern durfte ich bereits an einigen Buchprojekten namhafter Verlage sowie in diversen Pferdemagazinen mitwirken. Vor allem aber verleihe ich damit unserem gemeinsamen Herzensprojekt RPlus aus vollster Überzeugung Flügel.

AUTHOR: Conny Ranz & Marlitt Wendt